Waren in den 60ern und 70ern lediglich drei bis vier Wochen intensive Abstimmungskampf nötig, um die Bevölkerung ausreichend anzusprechen und aufzuklären, bewegen wir uns in der heutigen globalisierten Welt in einer weitaus komplexeren Umgebung, was die Meinungsbildung anbelangt. Individualität ist heute der Schlüssel zum Erfolg in Abstimmungskampagnen. Begünstigt wird dies durch das föderale System der Schweiz.

Der Stimmbürger zieht seine Informationen nicht mehr ausschliesslich aus traditionellen Medien wie dem Radio, den Zeitungen oder dem Fernsehen. Social Media wie Facebook und Twitter, das Internet allgemein, die Foren, der Meinungsaustausch über WhatsApp-Gruppen und sogar in Form von Bildern auf Plattformen wie Instagram und Snapchat nimmt täglich zu. Der Grossteil der Daten, die die Menschheit produziert hat ging in den vergangenen Jahren hervor. Ausserdem wollen die Menschen immer häufiger selber Teil vom Geschehen sein. Nicht umsonst werden Online-Medien zunehmend interaktiver . Das Kollektiv möchte nicht mehr als solches wahrgenommen werden. Jeder möchte individuell verstanden und angesprochen werden. Der Vorteil für den Einzelnen und nicht mehr für das Kollektiv steht im Vordergrund.

Doch nicht nur die Medienwelt und die Welt der Informationen sind komplexer geworden. Ebenfalls verdichtet sich der Dickicht an Regulierungen und Vorschriften, die es zu beachten gilt, in welchem Lebensbereich auch immer. So umfassen beispielsweise alleine das neue Lebensmittelgesetz und die dazugehörigen ausführenden Verordnungen rund 2000 Seiten.

Komplexere Strukturen, eine Veränderung des menschlichen Selbstverständnisses, eine digitale Revolution in Form von Internet, Social Media und der schleichende Untergang traditioneller Medien. Was sagt uns das für das Führen von Kampagnen?

Es verstärkt  unseren Ansatz, wonach Kampagnen erst im Kleinen und erst später im Grossen geführt werden müssen. Seit jeher wurde der Zentralschweizer misstrauisch, wenn er dieselben Abstimmungsplakate, die er von zuhause kennt, in seinen Ferien im Wallis sah. Insofern ist der Schweizer Stimmbürger im politischen System seit jeher  Individualist. Es gilt deswegen, die einzelnen Anspruchsgruppen durch massgeschneiderte Campaigning-Massnahmen anzusprechen. Selbstverständlich können Budgetengpässe dieser Idee einen Strich durch die Rechnung machen. Doch kosten Social Media – ein Teil ihres Erfolges – heute deutlich weniger als Inserate in Printmedien oder Plakataushänge. Der weitere, noch grössere Vorteil von Facebook: Die Plattform erlaubt ein Voter-Targeting, mit dem potentielle Wähler beispielsweise aufgrund ihres Wohnortes, ihrer Bildung, ihrer Interessen sowie weiterer Parameter angesprochen werden können. Mit Facebook-Fanpages wie zum Beispiel z.B. „Unternehmer gegen den Mindestlohn“, „Lehrerinnen gegen Leistungskürzungen“, „Studenten für mehr Steuergleichheit“ können die Zielgruppen noch näher an ein politisches Ansinnen gebunden werden.