Viele Patienten fragen zuerst Google, wenn sie herausfinden wollen, was ihre Symptome bedeuten. Doch nicht nur sie verlassen sich auf die Suchmaschine: Auch Ärzte sind online und nutzen dabei das Angebot im Web nicht nur privat, sondern suchen auch nach Fachinformationen, die sie für ihren beruflichen Alltag nutzen können. So ist das Internet mittlerweile zu einem festen Bestandteil des ärztlichen Berufslebens geworden.

Doch in der Schweiz gibt es so gut wie keine – geschweige denn aktuelle – Studien zum (Online-)Informationsverhalten von Ärzten. Deshalb interessiert uns, ob der Shift von Offline zu Online auch beim Informationsverhalten der Ärzte stattfindet: Welche Webseiten nutzen Ärzte in der Schweiz, um an Informationen zu kommen, die sie interessieren? Wie finden sie diese Seiten und welche Inhalte interessieren sie? Diese Analyse der Nutzung von medizinischen Webseiten in der Schweiz soll Klarheit in das Dunkel bringen und aufzeigen, welches Potential digitale Kanäle für die Kommunikation gegenüber Ärzten darstellen.

Wir haben von allen Internetseiten mit medizinischen Informationen nur diejenigen auf Nutzerzahlen und Suchverhalten analysiert, auf denen sich Ärzte mit Zulassung für die Nutzung des gesamten Angebots einloggen müssen. In der Schweiz ist es vom Gesetz her nicht zulässig, Informationen über verschreibungspflichtige Medikamente an Laien zu richten. Deshalb werden diese Informationen ausschliesslich Fachpersonen zugänglich gemacht. Im Internet geschieht dies meist durch einen mit Login geschützten Bereich auf einer Webseite. Man muss sich also als Arzt mit Zulassung auf diesen Seiten einloggen, um das komplette Angebot zu nutzen, und wir können davon ausgehen, dass diese Seiten zu grossen Teilen von Ärzten genutzt werden. Deshalb haben wir die folgenden sieben Webseiten untersucht: compendium.ch, DocCheck.com, infomed.ch, pharmasuisse.org, tellmed.ch, medizinonline.ch und esanum.ch.

Anzumerken ist, dass sich alle gesammelten Daten für die Schweiz über den Zeitraum von April 2016 bis März 2017 auf die Desktop-Versionen der Webseiten beziehen. Die Mobile-Nutzung in der Schweiz kann von SimilarWeb nicht in die Analyse einbezogen werden.

Übersicht Traffic- und Engagement-Daten von ausgewählten Webseiten mit medizinischen Fachinformationen. Quelle: Farner Research & Insights / SimilarWeb.

Der Leader: compendium.ch

Von allen sieben Webseiten hatte compendium.ch 60% der Nutzeranteile in der Schweiz und ist somit der Spitzenreiter unter den Webseiten mit Fachinformationen. Zwischen April 2016 und März 2017 besuchten durchschnittlich 267’250 User pro Monat die Datenbank für Schweizer Arzneimittel. Ca. 70% der Visitors stammen aus der Schweiz, während ca. 20% aus dem angrenzenden Ausland stammen (Italien, Frankreich, Deutschland).

Auf compendium.ch werden alle Fachinformationen zu Medikamenten gesammelt und dem medizinischen Fachpersonal übersichtlich zur Verfügung gestellt. Gesundheitsfachpersonen können sich über das Swiss-Rx-Login anmelden, um auf die vollständigen Informationen zugreifen zu können. Eine Umfrage bei 1’187 Ärzten hat gezeigt, dass über 80% die Online-Plattform täglich nutzen, 50% sogar mehrmals täglich. Zwischen April 2016 und März 2017 besuchten insgesamt 3’394 Millionen Besucher compendium.ch. Weltweit waren es 8’955 Millionen Besucher.

Top 5 Länder, in denen compendium.ch genutzt wird. Quelle: Farner Research & Insights / SimilarWeb.
Eingehender Traffic von verschiedenen Marketing-Channels auf compendium.ch in Prozent. Quelle: Farner Research & Insights / SimilarWeb.

Suchanfragen (überwiegend bei Google) zu Keywords, die primär Arzneimittelnamen enthalten, bringen die meisten User auf die Webseite. Am zweithäufigsten wird der Link direkt eingegeben. «Referrals» oder Weiterleitungen von anderen Seiten wie Wikipedia machen noch 13% aus.

DocCheck wird Zweiter

Docchek.com folgt im Ranking mit 30% Nutzeranteilen der analysierten Seiten. Die Online-Community für medizinische Fachpersonen aus ganz Europa zog in den letzten 12 Monaten durchschnittlich 142’566 Besucher aus der Schweiz an. Weltweit erhält die Seite aber über 5 Millionen Klicks pro Monat. DocCheck selbst gibt an, dass 61’084 Nutzer aus der Schweiz ein Login besitzen, darunter 18’010 Ärzte. Die restlichen Nutzer sind Studenten und Pharmazisten sowie Zahn- und Tierärzte.

DocCheck.com bietet News, einen Online-Shop und das «Flexikon», eine Art Wiki, auf dem Ärzte ihr Fachwissen teilen und Fachinformationen abrufen können. Allerdings ist dieses nicht passwortgeschützt und für jedermann frei zugänglich.

Die beliebtesten Unterseiten auf doccheck.com. Quelle: Farner Research & Insights / SimilarWeb.

Diese Fachinformationen werden von Schweizer Ärzten auf DocCheck mit 85% mit Abstand am meisten genutzt. Die Aneignung und das Zusammentragen von Fachwissen scheint hier im Vordergrund zu stehen.

Das Flexikon ist die beliebteste Unterseite auf DocCheck. Quelle: http://flexikon.doccheck.com/de/DocCheck.

Der Grossteil der Nutzer kommt über Suchanfragen auf DocCheck, bei denen Keywords zu Themen wie Behandlungen, Symptome und Krankheiten gesucht werden, z.B. Heparin, Sepsis oder Niereninsuffizienz. Am zeithäufigsten wird der Link direkt eingegeben. Von sozialen Netzwerken aus kommen die wenigsten User auf DocCheck.com.

Der Rest – weit abgeschlagen

Auf die restlichen fünf Webseiten unseres Rankings entfallen nur wenige Prozent der Nutzeranteile:

  • Auf infomed.ch finden die Nutzer Informationen zu Behandlungsmöglichkeiten und Medikamenten. Mit 9’743 Besuchen pro Monat liegt die Webseite auf Platz 3 der Portale mit Fachinformationen. Die Seite wird vom Infomed-Verlag, einer Familien-AG aus Wil (SG), betrieben, die konsequent auf Werbe-Einnahmen verzichtet und sich ausschliesslich durch die Einnahmen ihrer Publikationen und Produkte finanziert.
  • Platz 4: Die Webseite der Dachorganisation für Apotheker und Apothekerinnen Pharmasuisse erhielt durchschnittlich 5’541 Besuche pro Monat. Neben der Webseite veröffentlicht der Verband u.a. auch Publikationen wie das Pharmajournal und lanciert jedes Jahr eine Gesundheitsförderungskampagne.
  • Tellmed.ch, das Portal für Ärztinnen und Ärzte, liegt auf Platz 5: Das von der Mediscope AG entwickelte Produkt richtet sich ausschliesslich an medizinisches und pharmazeutisches Fachpersonal. Tellmed.ch bietet sowohl Online-Fortbildungen als auch Zusammenfassungen von Kongressen und Tagungen und wird durch Werbung und Partnerschaften mit Dritten finanziert.
  • Platz 6: medizinonline.ch enthält Fachinformationen für verschiedene Fachrichtungen. Die Prime Public Media AG bietet auf dem Fachportal für Ärzte vor allem CME-Fortbildungen an. Zusätzlich publiziert der Verlag verschiedene Printjournals, die sich an medizinische Fachpersonen richten.
  • Zu guter Letzt wird esanum.ch in der Schweiz kaum genutzt: Das Ärzte-Netzwerk aus Deutschland scheint hierzulande kaum Zuspruch zu erhalten. Insgesamt sind 263’000 approbierte Ärzte aus Europa auf dem sozialen Netzwerk angemeldet. In der Schweiz scheint das Netzwerk aber nur wenig Zuspruch zu finden. Auch die deutsche und französische Seite werden von Schweizer Usern mit weniger als 5’000 Besuchern in den letzten 12 Monaten nur sporadisch besucht.

Fazit: Fachinformationen im Internet sind gefragt

Unsere Analyse zeigt, dass Ärzte ebenso wie Laien online nach Informationen suchen. Sie schätzen kompakte Informationen zu Krankheiten und Medikamenten und den Austausch mit Kollegen. Von den sieben untersuchten Seiten werden vor allem zwei Portale von Schweizer Ärzten besucht: compendium.ch und DocCheck. Für die Kommunikation und Information gegenüber Gesundheitsfachpersonen bedeutet dies, dass neben medizinischen Fachpublikationen wie Print-Journals auch die Online-Kanäle in Betracht gezogen werden.

Da die Seiten oftmals eine breite Palette an Marketing-Möglichkeiten bieten, eignen sie sich hervorragend, um Gesundheitsfachpersonen gezielt anzusprechen. Es lohnt sich also neben den klassischen Printkanälen auch digitale Plattformen stärker ins Auge zu fassen. Die Zukunft liegt im Internet – dies gilt auch für die Kommunikation gegenüber Gesundheitsfachpersonen.

Durschschnittliche Besucherraten der Webseiten über die letzten 18 Monate. Quelle: Farner Research & Insights / SimilarWeb.