Die amtierende Bundespräsidentin Doris Leuthard besticht durch ihre hohe Glaubwürdigkeit und hohe Beliebtheit. Die Medien schreiben ihr bei Abstimmungen und Wahlen immer wieder einen positiven Effekt zu. Die Webplattform Themenpuls von Farner Consulting liefert Antworten darauf, ob «Doris National» eine ebensolche Wirkung auch auf die Medienpräsenz ihrer Partei hat.

In früheren Beiträgen berichteten wir über die Medienpräsenz der SVP, der BDP und diverser Kleinparteien. Die vergangenen Analysen bestätigten unter anderem, dass Polparteien tendenziell mehr mediale Präsenz geniessen als Mitteparteien. Im Folgenden steht nun mit der CVP die Mitte des politischen Spektrums im Fokus.

Wo die CVP den Ton angibt

Erstens: Was die Medienberichterstattung betrifft, so hatte die CVP in der Wirtschaftspolitik, der Aussenpolitik und der Asylpolitik in den vergangenen drei Jahren wenig Medienpräsenz. Zweitens aber gelingt es der CVP in den Themen «Umwelt & Lebensraum», «Energie», «Verkehr und Infrastruktur» sowie «Kultur, Religion und Medien» sich vergleichsweise gut zu positionieren.

Das dürfte unter anderem daran liegen, dass die CVP-Bundesrätin Doris Leuthard Vorsteherin des Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) ist. Die Ergebnisse scheinen die Bedeutung der CVP-Bundesrätin für ihre Partei zu unterstreichen. Doch wie stark ist die christliche Volkspartei tatsächlich von ihrer Bundesrätin abhängig?

Berechnungsmethode:

  • Anzahl Nennungen der Partei im jeweiligen Themenbereich / Anzahl Nennungen von Parteien im jeweiligen Themenbereich / Anzahl Nennungen der betreffenden Partei über alle Themenbereiche hinweg.
  • Die Skala wurde so festgelegt, dass der geringste Wert auf 0 fällt. Die Skala hört beim Wert 10 auf. Alle darüber liegenden Werte sind auf 10 begrenzt.
  • Die Skala sagt nichts über die Anzahl der CVP-Nennungen in einem Themenbereich aus. Stattdessen setzt sie die CVP-Nennungen in einem Themenbereich in Relation zu allen Parteien-Nennungen in diesem Themenbereich und zur Anzahl an CVP-Nennungen über alle Themenbereiche hinweg.

Sympathisch, kommunikativ, erfolgreich

Doris Leuthard gehörte während ihrer gesamten bisherigen Amtszeit zu den beliebtesten Bundesratsmitgliedern. Nicht nur im Volk. Auch die Medien liegen Doris Leuthard quasi zu Füssen und überhäufen sie mit Komplimenten. So wird sie selbst von Kritikern als dossierfest, mutig, fortschrittlich, visionär, erfolgreich, einflussreich, zielstrebig, sympathisch, charmant, modebewusst, kommunikativ und gar rhetorisch brillant beschrieben.

Der Tages-Anzeiger würdigte ihre Stellung in der Regierung bereits Ende 2011 mit den Worten: «[Doris Leuthard] ist zurzeit das Kraftzentrum der Regierung, an ihr kommt heute und wohl auch in Zukunft keiner vorbei.» Verschiedentlich wird sie sogar als heimliche Parteipräsidentin betitelt. Dagegen hat Kritik an der einstigen «Atom-Doris» seit Jahren Seltenheitswert. Mit anderen Worten: Doris Leuthard ist die Image-Trägerin ihrer Partei.

Doch wie lange kann die Partei noch auf ihr Zugpferd setzen? Es ziemt sich wohl nicht, das Amtsende eines Bundesratsmitglieds vorzeitig anzukündigen. Gleichwohl ist Doris Leuthard mit 11 Amtsjahren unbestreitbar das amtsälteste Bundesratsmitglied. Ihr Rücktritt – wenn auch nicht absehbar – muss in den nächsten Jahren in Betracht gezogen werden. So steht die CVP wohl oder übel vor der Frage, wie sehr die Mittepartei von ihrer Bundesrätin abhängig (geworden) ist.

Wie stark wirkt der Leuthard-Effekt?

Die Medien begannen früh von einem Leuthard-Effekt zu sprechen. Unter Leuthards Parteipräsidium gelangen der CVP 2005 mehrere Wahlerfolge. Darauf folgte der Wählergewinn bei den nationalen Wahlen von 2007, den die Medien ihr zuschrieben. Allerdings vermochte auch Leuthard in der Folge nicht, den seit 1975 anhaltenden Abwärtstrend beim Wähleranteil aufzuhalten. 2011 und 2015 folgten weitere Wählerverluste.

Unbeirrt hielten die Medien am «Leuthard-Effekt» fest. Schliesslich gibt es für den anhaltenden Wählerrückgang der CVP plausible Erklärungen, allen voran die neue Konkurrenz durch GLP und BDP bzw. die Aufsplitterung der politischen Mitte.

Im Rahmen nationaler Abstimmungen wurde wiederholt ein Leuthard-Effekt vermutet. Selbst schmerzliche Niederlagen bei der Zweitwohnungsinitiative und bei der Abstimmung über die 100-Franken-Vignette änderten daran nichts. So beschwörten verschiedene Medien den Leuthard-Effekt letzthin bei der Abstimmung zum Energie-Gesetz vom 21. Mai dieses Jahres.

Das gfs.bern lieferte die Bestätigung. Die Glaubwürdigkeit von Doris Leuthard (in Energiefragen) sei ein wichtiger Beweggrund gewesen, um für das Energie-Gesetz zu stimmen. Das Institut kommentierte: «Die Glaubwürdigkeitswerte von Doris Leuthard gehören zum Besonderen in der schweizerischen politischen Kommunikation, denn sie sind dauerhaft hoch.»

Ob Leuthard-, Widmer-Schlumpf- oder Müller-Effekt, eine Quantifizierung ihres Werts für die jeweilige Partei bleibt schwierig, wenn nicht unmöglich. Notabene: Die von Doris Leuthard vorangetriebene Energiepolitik dürfte vereinzelt zu Wählerverlusten geführt haben. Wie sonst liessen sich die Verluste im CVP-Stammland «Bezirk Zurzach» (Kanton Aargau) erklären, wo die Kernkraft grosse Unterstützung vorfindet?

Unter dem Strich lässt sich der positive Leuthard-Effekt wohl nicht negieren. Eine umfassende Medienanalyse kann zumindest Antworten auf die Fragen liefern, wie viel Medienpräsenz die Bundesrätin erzeugt, in welchem Kontext sie erwähnt wird, wie die Bundesrätin das Image der Partei prägt, wie stark die Partei von ihrer Medienpräsenz direkt/indirekt profitiert, welches Potenzial bestünde und welche Massnahmen dazu ergriffen werden müssten.

Bundesräte sind keine medialen Zugpferde

Die obige Abbildung legt nahe, dass Doris Leuthard durchaus einen Einfluss auf die (wahrgenommene) thematische Ausrichtung der Partei hat. Was die mediale Präsenz jedoch anbelangt, scheint die Partei zurzeit nicht von ihrer Bundesrätin abhängig zu sein. Die vorliegenden Daten stützen die Vermutung nicht, die Bundesrätin würde der Partei spürbar mehr Medienpräsenz verschaffen. Zu selten sind Medienartikel, in denen die Bundesrätin im Zusammenhang mit der Partei Erwähnung findet.

Eine Analyse von 980 Online-Medienartikel zeigt: In 10.2% der Medienartikel mit Nennung der CVP wird auch die Bundesrätin erwähnt. Lediglich in 4.2% der Artikel beziehen sich mehr als drei Sätze auf ihre Person.  Und in nur ein paar wenigen Fällen (24 Artikel) erhält die Partei explizit dank ihrer Bundesrätin eine zusätzliche mediale Plattform.

Sieben Artikel thematisieren Bundesratswahlen. Viele weitere greifen zusätzliche Autoverkehrs- sowie Radio- und Fernseh-Empfangsgebühren auf – Themen, die bei der Leserschaft kaum gute Assoziationen wecken. Und fünf Artikel sind als deutlich negativ einzustufen, darunter Artikel zum Besuch eines AC/DC-Konzertes und zu einem unterlaufenen Fehler während einer Abstimmungskampagne.

Dagegen fehlen wahrnehmbar positive Artikel. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Partei direkt kaum von der Medienpräsenz der Präsidentin profitiert. Die CVP wird dank der Bundesrätin nicht öfters erwähnt. Diese Erkenntnis stützt auch ein Vergleich der Anzahl Artikel zur CVP mit jener zur Bundesrätin. Die CVP wurde in den letzten 4 Jahren in 151’239 Artikeln der Printmedien genannt. Wenn auch für bundesrätliche Verhältnisse oft genannt, hinkt Doris Leuthard mit 24’466 Artikel deutlich hinterher.

Die Ergebnisse sind insofern weiter zu relativieren, als die Bundesratsmitglieder mehrheitlich nicht zusammen mit ihrer Partei Erwähnung finden. Bundesräte sind für gewöhnlich keine medialen Zugpferde ihrer Parteien. Das Potenzial dazu ist eher gering. Dies mag die parteipolitische Bedeutung der Bundesratsmitglieder etwas schmälern. Als Sympathieträger und schweizweit bestens bekannte Parteimitglieder sind sie dennoch losgelöst von jeglicher Aktualität stets auch Botschafter ihrer Partei. Vor den Karren spannen lassen sie sich jedoch nur schwer.

BundesratsmitgliedNennungen der Bundesräte in den PrintmedienGemeinsame Nennungen der Bundesräte und ihrer Partei in den Printmedien
Doris Leuthard24’4668’139 (33%)
Johann Schneider-Ammann22’3586’219 (28%)
Ueli Maurer21’91110’377 (47%)
Didier Burkhalter20’1315’513 (27%)
Eveline Widmer-Schlumpf17’1905’356 (31%)

Daten von Swissdox der letzten vier Jahre (Juli 2013-Juli 2017)

Zu Themenpuls

Die Resultate zur Medienpräsenz der politischen Parteien basieren auf Daten der Web-Plattform Themenpuls.ch. Themenpuls ist ein Service von Farner Consulting AG und Kuble AG. Die Web-Plattform erlaubt es, die online erschienenen Medienartikel nach Reaktionen im Web und Themen auszuwerten. Die Auswertung von Farner basiert auf jenen Artikeln, welche besonders viele Reaktionen im Web auslösten, um die Aussagekraft betreffend Medienpräsenz zu gewährleisten. Artikel ohne Resonanz könnten ein falsches Verständnis von Medienpräsenz vermitteln.

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