Die Alterung der Gesellschaft und die sich wandelnden Bedürfnisse stellen für die Alterspflege in den Gemeinden grosse Herausforderungen dar. Das Forum Standortpolitik widmete sich den Möglichkeiten und Strategien, um ein kosteneffizientes, qualitativ hochstehendes und bedarfsgerechtes Leistungsangebot auch zukünftig zu garantieren.

 «Der alte Grossvater und der Enkel», ein Märchen von den Gebrüdern Grimm, ist nun zweihundert Jahre alt (siehe Video). Es thematisiert die Wertvorstellungen über Behinderung, Alter und Pflege. Das Märchen lehrt uns, dass sowohl die Altenpflege und Vorsorge zwischen drei Generationen ausgehandelt werden. Beides beruht implizit auf einem Generationenvertrag: Jede Generation muss stets damit rechnen, dass ihre Alterspolitik dereinst auf sie selber zurückfällt.

Das diesjährige Forum Standortpolitik thematisierte die Handlungsoptionen und Strategien, wie sich die heutigen Versorgungsmodelle in der Alterspflege im Lichte der zukünftigen Herausforderungen generationengerecht weiterentwickeln lassen.

Zum Forum Standortpolitik: Das Forum Standortpolitik wurde 2016 gemeinsam von BHP – Hanser und Partner und Farner Consulting gegründet. Mit dem Forum möchten wir eine Austauschplattform für in der Standortpolitik tätigen Akteure und Entscheider bieten. Es sollen jeweils neue Denkansätze zu aktuellen Herausforderungen der Standortpolitik beleuchtet werden. Die erste Veranstaltung befasste sich mit der baulichen Verdichtung im Bereich der Siedlungsentwicklung. 

Alterspolitik wird sich weiterentwickeln

Die Geschichte der Gebrüder Grimm ist aktueller denn je. Das Altern der Gesellschaft stellt für uns eine der grössten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte dar. Besonders augenfällig sind die Herausforderungen in der Alterspflege und -betreuung. 2014 betrugen die Gesamtkosten für Pflegeleistungen in Heimen schweizweit 9,5 Milliarden Franken. Verschiedene Prognosen gehen davon aus, dass sich die Kosten infolge des demografischen Wandels bis 2030 verdoppeln. Gemeinden sind deshalb auf Betreuungskonzepte angewiesen, die auch zukünftig finanzierbar bleiben. Sie müssen dabei nicht nur den sich verändernden Gesamtbedarf antizipieren, sondern auch den sich fortlaufend wandelnden individuellen Bedürfnissen der Pflegebedürftigen Rechnung tragen (siehe Credit Suisse: Die Zukunft des Pflegeheimmarkts, S.20).

Bis in die 1950er Jahre hinein war die Altenpflege privat und vornehmlich in den Familienstrukturen organisiert. Erst ab den 60er Jahren wurde die Pflege und Betreuung von Alten zum politischen Thema. Seit der Änderung der Pflegefinanzierung 2011 sind nun die Gemeinden massgeblich für das Pflegeangebot verantwortlich. Historisch gesehen leben wir in einer Zeit, in der sich die Alterspflege umfassend wandelt. Dieser Umbruch ist noch nicht abgeschlossen. Als unterste Staatsebene werden die Gemeinden den Wandel besonders stark zu spüren bekommen. So wird sich beispielsweise die Nachfrage nach Mobilität, Infrastrukturen, Wohnraum und Alterspflege und -betreuung verändern. Die Gemeinden müssen ihr Leistungsangebot zum einen überdenken, um als Wohngemeinde attraktiv zu bleiben. Ebenso brisant ist jedoch auch die Frage, wie sich gewisse Aufgaben möglichst kosteneffizient und ohne qualitative Einbussen bewältigen lassen.

Alterspflege als standortpolitischer Faktor

Der Wandel bewirkt, dass die Altenpflege als Standortfaktor für die Gemeinden an Bedeutung gewinnt. Aufgrund der zunehmenden durchschnittlichen Lebenserwartung und der sich verschiebenden Alterspyramide erhalten die älteren Generationen und ihre Bedürfnisse künftig noch mehr Gewicht. Gemeinden müssen stärker auf die Bedürfnisse der älteren Generationen eingehen, wollen sie als Wohngemeinde attraktiv bleiben. Dabei zwingen die Regelung der Pflegefinanzierung (Stichwort Restkostenfinanzierung) sowie die laufende und prognostizierte Kostenentwicklung die Gemeinden mehr denn je, im Sinne der Kostenkontrolle eine langfristige Strategie in der Alterspolitik festzulegen. Andernfalls drohen die Pflegekosten aus dem Ruder zu laufen.

Eine kosteneffiziente Pflege ist dabei nicht nur für die Gemeindefinanzen, sondern auf für die Qualitätssicherung in der Pflege und damit für das Wohl der Leistungsbeziehenden zentral. Und drittens: Im Rahmen der Umsetzung der Pflegefinanzierung haben viele Kantone die Gesamtverantwortung für die Langzeitversorgung an die Gemeinden abgegeben, so etwa im Kanton Zürich. Dieser Umstand, kombiniert mit dem anhaltenden Bevölkerungswachstum, wird zwangsläufig jede Gemeinde mit neuen alterspolitischen Fragen konfrontieren.

Der Anlass des Forums Standortpolitik unter dem Titel «Fit für den demografischen Wandel» stellte die Frage ins Zentrum, über welche Optionen die Gemeinden in der Alterspolitik verfügen. Massnahmen lassen sich oftmals nicht von heute auf morgen umsetzen. Die Gemeinden brauchen deshalb eine Langfrist-Strategie, müssen gleichzeitig jedoch flexibel bleiben, um auf verschiedene Szenarien reagieren zu können. Erschwerend kommt hinzu, dass die Gemeinden die Entwicklungen der relevanten Einflussfaktoren antizipieren und Prognosen treffen müssen. Als Referenten traten Jérôme Cosandey, Senior Fellow und Forschungsleiter Sozialpolitik bei Avenir Suisse, und Stadtrat Martin Merki, Sozialdirektor der Stadt Luzern, auf.

Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung nutzen

Dr. Jérôme Cosandey beleuchtete, wie die Gemeinden den steigenden Kosten in der Pflege entgegnen und das vorhandene Sparpotenzial nutzen können. Den Schlüssel dazu sieht er in der Steigerung der Effizienz. Dabei hob er die herrschenden Unterschiede zwischen den Kantonen hervor. Wenn sich jeder Kanton mindestens am Schweizer Durchschnitt orientieren würde, könnte man dieselbe Pflegeleistung schweizweit mit 12’000-14’000 Stellen weniger erbringen, so Cosandey. Dies würde nicht nur Kosten sparen, sondern auch den Druck auf die Rekrutierung neuen Personals lindern. Gleichwohl mache die föderalistische Ordnung im Pflegewesen aufgrund unterschiedlicher Bedingungen durchaus Sinn, erläuterte Cosandey.

Sparpotenzial erkennt er unter anderem in der Organisation der Pflege. Dabei reiche es nicht aus, die – abhängig vom Pflegefall – oftmals kostengünstigeren ambulanten Angebote einfach auszubauen. Denn die Pflegebetten bestünden vielerorts bereits. Cosandey plädiert deshalb für eine Strategie «ambulant mit stationär», welche die gesamte Versorgungskette bestmöglich aufeinander abstimmt. Diesbezüglich würden die Informationsstellen eine wichtige Funktion übernehmen.

Als Musterbeispiele für solche Drehscheiben verwies er auf den Wegweiser Alter des Kantons Graubünden, wohnen60plus.ch von Pro Senectute Kanton Bern und die Krienser Infostelle Gesundheit, ein Gemeinschaftsprojekt der Spitex Kriens und der Heime Kriens. Solche Plattformen schaffen Transparenz über alle Leistungen und Leistungserbringer, bieten fachliche Beratung und leisten gleichzeitig – wo sinnvoll – Hilfe zur Selbsthilfe. Eine weitere Möglichkeit zur Optimierung bestünde bei den Auslastungen. Semi-stationäre Einrichtungen wie Tagesstrukturen etwa sind trotz grossem Bedarf nicht voll belegt. Ein wichtiger Faktor für die Inanspruchnahme solcher Angebote sei deren Erreichbarkeit.

Als weitere Erfolgsrezepte nannte Cosandey integrierte Leistungserbringer wie RaJOVita, Thurvita, Senevita oder das «Réseau Santé Balcon du Jura.vd». Diese böten sowohl ambulante als auch stationäre Dienstleistungen an und übernähmen damit eine wichtige Drehscheiben-Funktion. Ebenfalls sei man als Arbeitgeber attraktiver, weil den Angestellten mehr Tätigkeiten und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten werden könne. Solche Organisationen gehen mehrheitlich aus Zusammenschlüssen und Kooperationen hervor. Nichtsdestotrotz sieht Cosandey auch Handlungsbedarf bei der Finanzierung. Die Verteilung der Kosten müsse intelligent geregelt sein, sodass überhaupt Anreize für eine effiziente Versorgung bestünden.

Stadt Luzern setzt bei der Finanzierung an

Diesbezüglich will die Stadt Luzern ein neues Konzept testen. Sie hatte in den letzten Jahren das Netz der Unterstützungsangebote für ältere Menschen zu Hause ausgebaut und Lücken bei Beratungsangeboten geschlossen. In diesem Jahr wurde nun die Einführung eines Systems mit Gutscheinen für ergänzende hauswirtschaftliche Leistungen beschlossen. Solche Gutscheine sollen an Personen vergeben werden, welche knapp nicht EL-berechtigt sind, und für Leistungen, welche nicht durch die EL abgedeckt werden. In einem Pilotversuch können ab 2018 die Vor- und Nachteile evaluiert werden.

Für Gemeinden ist die Förderung des selbstbestimmten Wohnens zu einem wichtigen Thema geworden. Zu Recht: Erstens wollen ältere Menschen so lange wie möglich selbstbestimmt wohnen. Zweitens ist ambulante Pflege und Betreuung im eigenen Haushalt bei geringer Pflegebedürftigkeit kostengünstiger als im Pflegeheim. Mit dem Pilotprojekt will die Stadt Luzern schweizweit eine Pionierrolle übernehmen. Geklärt werden soll mit dem Test, ob die Unterstützung am richtigen Ort ankomme, wie die Qualität bestmöglich sichergestellt wird und wie sich der administrative Aufwand entwickelt. Die Vorteile erkennt Martin Merki in der gezielten Unterstützung und im Erhalt der Wahlfreiheit. Die Stadt Luzern will mit der Förderung selbstbestimmten Wohnens Heimeintritte verzögern oder verhindern. Ziel sei es, dass 30% der Leistungen in den Pflegestufen 0 bis 3 (bis 60 Min. Pflege/Tag) zu Hause erbracht würden. Auch Merki spricht der Beratung eine Schlüsselrolle zu, damit eine solche Veränderung einsetze. Deshalb wird ab nächstem Jahr eine Anlaufstelle für Altersfragen ins Leben gerufen.

Kooperationen ja, aber…

In der anschliessenden Podiumsdiskussion standen Kooperationsprojekte im Fokus. Beatrice Landolt von der Swiss Prime Site Immobilien, betraut mit Immobilienprojekten im Pflegewesen, erklärte, wie sich stationäre Angebote in öffentlich-privater Partnerschaft erfolgreich realisieren und betreiben liessen. Durch die Zusammenarbeit mit Privaten liessen sich Einsparungen beim Einkauf, beim Bau und beim Einsatz personeller Ressourcen erzielen. Zentral sei, dass Gemeinde, Betreiber und Investoren von Anfang an in einem intensiven Dialog die Verantwortlichkeiten klären. Zudem sollten die Gemeinden mittels einer Leistungsvereinbarung mit dem Betreiber die Zusammenarbeit definieren und beispielsweise Regeln zur Tarifgestaltung festlegen.

Dass den Kooperationen Grenzen gesetzt sind, machte Lorenz Bösch, Partner von BHP, klar. Das Angebot werde von den Infrastrukturen her immer lokal bleiben. Stationäre Angebote für ganze Regionen würden wohl nicht funktionieren. Gemeinden könnten sich aber durchaus zusammentun, um Betriebsgesellschaften zu gründen und so Overhead-Kosten zu reduzieren und die Koordination zu verbessern. Gerade kleineren Gemeinden empfiehlt Beatrice Landolt eine Kooperation auch im stationären Bereich. Im Schnitt sollte die Erstellung eines Pflegebettes nicht mehr als 300’000 Franken kosten. Mit grösseren Einrichtungen liessen sich Einsparungen erzielen, zumal gewisse Leistungen wie der 24-Stunden-Betrieb in jedem Fall sichergestellt werden müssen. So plädierten die Podiumsteilnehmenden dafür, den Föderalismus auf Gemeindeebene zu nutzen, anstatt auf den Kanton zu warten. Jérôme Cosandey ergänzte, dass sich die Zusammenarbeit nicht per Gesetz verordnen lasse. Entscheidend für neue Kooperationen sei insbesondere die zwischenmenschliche Ebene. Martin Merki fügte an, Spitex-Fusionen seien ebenso schwer wie Feuerwehrfusionen umzusetzen.

Zum Schluss hielten die Wortführenden fest, dass die Frage «Wie viel darf es kosten?» alleine keineswegs ausreiche. Auch müsse ein Kulturwandel bezüglich des Bildes vom Alter und des Umgangs mit Altersfragen einsetzen. Partizipative Ansätze seien zu stärken. Zudem bleibt zu klären, wie die Finanzierung generationenverträglich sichergestellt werden kann. Denn ganz nach dem Grimm’schen Märchen «Der alte Grossvater und der Enkel» braucht es für eine nachhaltige Alterspolitik alle Generationen.