Am 12. Dezember widmeten wir einen ganzen Abend der digitalen Transformation im Gesundheitssystem.

Es diskutierten:

  • Prof. Dr. Andréa Belliger, eHealth-Expertin und Prorektorin der PH Luzern
  • Dr. Thomas Brunschwiler, IBM Research Zürich
  • Simon Hodel, Co-Founder des Startups DocsVisit
  • Daniel Jörg, Partner von Farner Consulting

Wie verändert die digitale Transformation die Beziehung zwischen Arzt und Patient? Welchen Nutzen bieten Apps als Behandlungsmethode – und wo liegen die Grenzen? Wie müssen sich Digital First Mover im Markt aufstellen?

Gesundheitswesen und Healthcare-Industrie bilden in der Schweiz «zwei Paralleluniversen», so Andréa Belliger. Einerseits ist das Bedürfnis von Patienten und Ärzten nach neuen digitalen Lösungen vorhanden, stimmt Simon Hodel zu. Auf Bundesebene sind im Rahmen der Strategie «Gesundheit2020» erste Initiativen zum «empowered patient» lanciert worden.

Andererseits bremst der unzeitgemässe politische Kontext viele Innovationen zu oft zu früh aus. Das Gesundheitssystem ist also erst stellenweise digitalisiert oder offen gegenüber diesen Veränderungen. Doch welches Verständnis von «Digitalisierung» herrscht im Gesundheitssystem vor – und wer soll den Prozess vorantreiben?

Verbände und Netzwerke als Treiber der digitalen Transformation

Der Ruf nach einer zeitgemässen Veränderung kommt zu einem grossen Teil von Verbänden, z.B. digitalswitzerland und economiesuisse. Diese wollen die digitale Transformation im Healthcare-Sektor strategisch vorantreiben. Jedoch sitzen dort meistens noch «die alten Wirtschaftskapitäne» im Vorstand, so Andréa Belliger. Die jungen Querdenker lassen sich selten in solche Gefässe einbinden.

Es bräuchte also neue Netzwerke, die auch für diese jungen Querdenker mit digitalem Lebensstil attraktiv sind. Denn diese bringen mit ihrem Erfahrungsschatz neue Ansätze in die Debatte.

Digitale Transformation ist mehr als technologischer Wandel

Im Gesundheitssystem wird der Wandel immer noch zu einseitig-technologisch verstanden. Es geht aber um viel mehr als um neue Gadgets. Digitalisierung meint, dass Konnektivität ein Grundzustand der modernen Gesellschaft ist, so Andréa Belliger.

Denn die Bedürfnisse und Ansprüche von Patienten und Ärzten verändern sich ebenfalls. Heute darf man nicht mehr ignorieren, dass Menschen vernetzt sind, dass sie sich im Internet informieren, sich z.B. in Healthcare-Communitys austauschen und Transparenz sowie eine offene, authentische Kommunikation einfordern.

Schliesslich verändert die digitale Transformation auch die sozialen und beruflichen Rollen. Technologien sind identitätsstiftend. Es geht dabei neben neuen Stellenprofilen auch um ein alteingesessenes Selbstverständnis, das vom Wandel bedroht wird. So ist für einige Betroffene unklar, was mit ihnen passieren wird und ob sie an Status einbüssen. Entsprechend löst der Wandel auch Widerstand aus.

Neue mobile Beziehungen

Neue digitale Lösungen verändern unseren Umgang mit Gesundheit. Vor allem im Ausland sind digitale mobile Lösungen längst im Einsatz – und oft muss der Blick auch über die Grenzen Europas hinaus, so Simon Hodel.

Sein Startup DocsVisit entwickelt eine «mobile Arztpraxis». Denn Hausbesuche sparen Kosten, die sonst durch den Spital- und Praxisbesuch entstehen. Die Plattform ist besonders für chronisch und akut Erkrankte geeignet, aber auch für ältere Patienten. Damit wird die Beziehung zwischen Arzt und Patient im wahrsten Sinne des Wortes mobilisiert.

Ausserdem wird auch an neuen Mensch-Maschine-Interaktionen geforscht. Thomas Brunschwiler von IBM Research Zürich berichtet von Studien seines Forschungsbereichs «Mobile Health Intervention». Zum Beispiel funktionieren Apps für chronisch Erkrankte dann am besten, wenn die App mit dem User personalisiert und kontextbasiert kommuniziert.

Also keine Alerts und einfache Push-Notifications mehr, die «kontextblind» zu Aktivitäten anregen, sondern möglichst konkrete Informationen, welche den Kontext und die Situation des Patienten spiegeln. Brunschwiler bringt das Beispiel des Trampassagiers, der von seiner App die Nachricht erhält, er könne ab der nächsten Tram-Station sein Ziel auch bequem zu Fuss erreichen.

Datenschutz und freier Datenfluss

Ein grosses Thema des Abends ist auch der Datenschutz. Denn Gesundheitsdaten, die auch über verschiedene Devices von zugriffsberechtigten Healthcare Professionals eingesehen werden können, steigern die Transparenz von Gesundheitszustand und Behandlungsfortschritt des Patienten.

Mit der «Digital Single Market»-Strategie verfolgt die Europäische Kommission einen möglichst freien Datenfluss, der Innovationen beschleunigt. Dabei muss ein Umdenken stattfinden: Daten sind, so Andréa Belliger, neu als Gemeingut zu verstehen, von denen letztlich alle Bürgerinnen und Bürger profitieren würden.

Bei aller Offenheit gegenüber neuen digitalen und mobilen Möglichkeiten – die Brücke zwischen Gesundheitspolitik und Healthcare-Industrie ist weiter auszubauen, ausgehend von einem umfassenderen Begriff der Komplexität der digitalen Transformation.

Der Farner Grips & Chips «Der digitale Patient» wurde organisiert von unseren Units für Healthcare Communications und Digital Marketing. Bilder der Veranstaltung findet ihr bei Facebook.

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