Wie schaffen wir es, schneller und besser auf Veränderungen zu reagieren? Welche Organisationsformen helfen uns dabei? In unserer Beratungstätigkeit werden wir immer wieder mit diesen und ähnlichen Fragestellungen konfrontiert. Agilität, flache Hierarchien und Selbstorganisation sind Themen, die Unternehmen in unserer VUCA-Welt (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität) stark beschäftigen. Was bedeutet dies für die Unternehmensführung?

Wir haben uns im Vorfeld zu unserem Farner Grips & Chips Event «Die Zukunft des Führens» vom 27. März 2018 mit unserem Gastreferenten Stefan Kühl unterhalten. Er ist Professor für Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld und Berater bei unserem Kooperationspartner Metaplan. Kühl untersuchte früh die Entwicklung und Auswirkungen von «neueren» Organisationsmodellen. Im Interview sprechen wir über Chancen und Tücken entsprechender Konzepte.

Herr Kühl, die Themen «Agilität» und «flache Hierarchien» sind aktuell in aller Munde. Beschreiben diese Begriffe ein neues, zukunftsfähiges Organisationskonzept oder handelt es sich um eine Modeerscheinung?

Die Richtung ist nicht neu. Über das Thema wurde bereits vor über zwanzig Jahren diskutiert. Damals unter dem Namen «postbürokratische Organisation». Mit der New Economy und den Start-ups kam dieselbe Debatte wieder hoch und aktuell sprechen wir mit Begriffen wie «agiles Unternehmen», «Holacracy» oder «demokratisches Unternehmen» im Prinzip vom Gleichen, nur neu verpackt.

Also keine Eintagsfliege, sondern ein Dauerbrenner. Was ist der Treiber dieser Entwicklung?

Die Befürworter von demokratischen Unternehmen sehen in der Demokratisierung eine Möglichkeit zur Effizienzsteigerung. Mitarbeitende sollen sich durch demokratische Einbindung stärker mit «ihrem» Unternehmen und «ihren» Produkten identifizieren. Sie sollen eigene Ideen einbringen und umsetzen. Diese Identifikation der Mitarbeitenden mit Märkten, Produkten und Prozessen soll die Innovationsfähigkeit steigern.

Wie das?

Die Befürworter glauben, dass die Mitarbeitenden durch die Identifikation ein persönliches Interesse daran haben, Produkte und Prozesse möglichst effizient und innovativ zu gestalten. Man geht davon aus, dass Mitarbeitende motivierter handeln, wenn sie von etwas selbst fasziniert sind und sich mit den Werten und Normen des Unternehmens identifizieren können.

Demnach sind demokratische Unternehmen innovativer?

Das ist ein Irrglaube. Es gibt eine nicht zu unterschätzende Schattenseite, wenn sich Mitarbeitende mit ihren Produkten und Prozessen identifizieren. Für Mitarbeitende ist es schwer, Veränderungen zu akzeptieren, wenn sie Motivation vor allem daraus ziehen, ein bestimmtes Produkt zu verkaufen oder bestimmten Prozessen zu folgen. Ein Vertriebsmitarbeiter beispielsweise, der stolz darauf ist, dass sein Unternehmen ein besonders modernes Abrechnungssystem hat, wird einen Motivationseinbruch erleiden, wenn die Unternehmensleitung dieses Abrechnungssystem abschafft. Identifikation löst also Blockierung gegenüber Veränderungen aus und das Unternehmen büsst an Wandlungsfähigkeit ein.

Grundsätzlich ist es in Unternehmen mit flachen Hierarchien und demokratischen Strukturen eher schwierig, Innovationen in Gang zu setzen. Wenn alle mitreden können, werden Prozesse verlangsamt und das Mittelmass schnell zum Standard. Mit anderen Worten: Demokratie ist ein höchst wirksames Mittel gegen Sprunginnovationen. Grundlegende Veränderungen müssen in Unternehmen oft hierarchisch durchgesetzt werden.

Sie plädieren also für starke Hierarchien?

Hierarchien können Kreativität unterdrücken und die Motivation von Mitarbeitenden schmälern. Aber wenn Unternehmen schnelle Entscheidungen treffen müssen, kann man auf Hierarchien nicht verzichten. Die Auflösung oder Schwächung von Hierarchien führt zu einer «Dauerpolitisierung» interner Prozesse. Unter flachen Hierarchien nehmen Machtkämpfe zu. Denn Machtfragen müssen oft durch Auseinandersetzungen gelöst werden, da Entscheidungen von demokratisch gewählten Führungspersonen prinzipiell von jedem kritisiert werden können. Das führt zu Zeit- und Effizienzverlusten und oft zu Überforderung durch Komplexität.

Sie sprechen von Führung. Was konkret verstehen Sie darunter?

Führung ist nicht mit hierarchischem Status zu verwechseln. Denn Hierarchien legen lediglich fest, wer Einflusspotenzial hat, geben aber nicht Auskunft darüber, wer tatsächlich Einfluss nimmt. Erkennbar wird Führung daran, dass jemand seinen Einfluss geltend macht, Orientierung gibt und einige oder alle dem Führungsimpuls dieser Person folgen und Dinge tun, die sie aus eigenem Antrieb nicht getan hätten. Es lässt sich also sagen: Nicht die Hierarchie führt, sondern der, dem gefolgt wird. Und das entscheiden nicht zuletzt die anderen.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel aus der Praxis geben?

Ein Ingenieurbüro setzt beispielsweise darauf, dass sich innerhalb von Projekten die Führung selbst bildet. Einer im Team geht in die Führungsrolle, weil ihn ein bestimmtes Thema interessiert und weil er es sich zutraut. Und die anderen folgen ihm, weil sie seine Kompetenz anerkennen. Positiv an diesem Modell ist, dass eine Führungskraft nicht alle Funktionen ausüben muss und die einzelnen Ingenieure viele Entscheidungen eigenständig treffen können, ohne sich in der Hierarchie absichern zu müssen. Starke Selbststeuerung durch die Mitarbeitenden birgt jedoch auch Risiken. Zum Beispiel, dass ein Ingenieur einen technisch anspruchsvollen und interessanten Auftrag annimmt, der sich für die Firma aber nicht unbedingt lohnt.

Herr Kühl, vielen Dank für diese ersten Einblicke. Wir freuen uns, Sie am 27. März 2018 an unserem Farner Grips & Chips zum Thema «Die Zukunft des Führens» als Gastreferent dabei zu haben.

Auch ich freue mich schon auf ein spannendes Podiumsgespräch mit Stefan Rupp, der Holacracy in seinem Unternehmen einführte und seine Position als CEO abschaffte, und Benjamin Giezendanner, der in seinem KMU auf klassische Strukturen und einen militärischen Führungsstil setzt.

Event:
DIENSTAG, 27. MÄRZ 17.30 UHR
@ FARNER LÖWENSTRASSE 2, 8001 ZÜRICH

www.farner.ch/die-zukunft-des-fuehrens

Der Event ist wegen hoher Nachfrage leider bereits ausgebucht.