Es kann unerwartet geschehen: Nach einem jahrelangen Aufbau der Firma und mit dem Erfolg kommen für Startups oft Übernahmeangebote von grossen Unternehmen. Doch wie können diese damit umgehen? Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Verkauf, und wie kommen Startups bis zu diesem Punkt?

Alain Chuard hat mit seinem Startup «Wildfire Interactive» eine intensive Zeit erlebt: Nach der Gründung 2008 wuchs das Unternehmen innert vier Jahren auf 400 Mitarbeitende an, bevor ihn Google kontaktierte und ihm und seiner Mitinhaberin 450 Millionen Dollar für Wildfire anbot. Der Deal kam zustande und die Firma war fortan Teil eines der fünf grössten und mächtigsten Technologie-Unternehmen der Welt.

«Es war schwierig, am Verhandlungstisch mit Google Ruhe zu bewahren, als sie uns ein Vielfaches unserer Vorstellungen anboten», erzählte Alain Chuard einleitend. «Innerlich drehten wir natürlich völlig durch!» Zahlreiche Fragen hätten ihn zu dieser Zeit umgetrieben, insbesondere zum optimalen Zeitpunkt einer Übernahme und zur Zukunft der eigenen Vision hinter Wildfire und der Mitarbeiter.

Gemeinsam mit dem Kellerhals Carrard Startup Desk hat Farner Consulting am 7. Mai zum Event «Choosing the Right Exit Strategy for your Startup» geladen. Am Event diskutierten ausgewiesene Experten über mögliche Exit-Strategien und ihre Chancen und Herausforderungen:

  • Alain Chuard, Gründer von Wildfire Interactive
  • Roland Zeller, Schweizer Business Angel, Gründer von travel.ch
  • Markus Gross, Informatikprofessor an der ETH Zürich, Direktor von Disney Research
  • Otto Birnbaum, Venture Capitalist bei Partech Ventures

Netzwerke sind erfolgskritisch

Für die erfolgreiche Übernahme eines Startups ist dessen Netzwerk entscheidend, dabei waren sich die Referenten einig. Zu Beginn müssen die jungen Firmen auf sich aufmerksam machen, insbesondere bei den grossen Technologie-Konzernen. Denn gerade diese haben stark an Marktmacht zugelegt, weshalb es heute schwieriger ist und mehr Mut benötigt, um als selbstständiges Startup langfristig erfolgreich zu sein.

Doch auch die «Big 5» seien keine Konstante in der Branche: «Noch vor wenigen Jahren waren IBM und Yahoo neben Google und Microsoft die Platzhirsche, heute teilen sich Facebook, Amazon, Apple, Microsoft und Google den Kuchen», erklärte Otto Birnbaum. Und niemand wisse, wer die Branche in zehn Jahren dominiere.

Vorteile der Startup-Szenen in China und den USA

Ebenfalls dominant sind die Startup-Szenen in den USA und zunehmend auch in China. Roland Zeller, ein grosser Fürsprecher der Schweizer Szene, ortet verschiedene Herausforderungen für hiesige Startups: Durch die europäische Mehrstaatlichkeit und die häufige Fokussierung auf den nationalen Markt kämpfen zahlreiche Startups um genügend Aufmerksamkeit und Kapital, die beide für ein fortschreitendes Wachstum notwendig wären.

«Um 500 Millionen Personen zu erreichen, müssen Firmen in Europa in zig Länder expandieren und dabei mit verschiedenen Währungen, Sprachen und Rechtssystemen zurechtkommen.» In China und den USA sei dieser Prozess wesentlich einfacher, zudem sei die Nähe zu den Tech-Giganten ein komparativer Vorteil.

Worauf sich europäische Startups fokussieren müssen

Von diesem «Nachbarschaftsbonus» profitierte auch Alain Chuard mit seiner Firma im Silicon Valley: «Google möchte seine Mitarbeiter nicht weiträumig verteilen und bevorzugt deshalb nahegelegene Unternehmen.» Für europäische Startups sei es deshalb besonders wichtig, sich früh auf den Weltmarkt zu fokussieren und durch eine enge Zusammenarbeit mit Hochschulen eine hohe Attraktivität für Talente auszustrahlen.

Gerade in China gebe es für Europäer viele potenzielle Investoren, denn viele hätten «ihren Blick eher nach Europa gerichtet» als die Amerikaner. Und, so Birnbaum, es kämen teilweise bereits in Serie-A-Finanzierungsrunden über eine halbe Milliarde Dollar an Investitionen zusammen.

Vorteile der Schweizer Startup-Szene nutzen

Doch gerade die Schweiz stelle in vielen Punkte ein hervorragendes Beispiel dar, wie gute Rahmenbedingungen die Gründung von Startups fördern können. In seiner langjährigen Arbeit mit Studenten habe Markus Gross an der ETH «ein stark wachsendes Interesse am Unternehmertum» feststellen können.

«Es ist erfreulich, wie viele erfolgreiche Spin-Offs in den letzten Jahren an Schweizer Hochschulen entstanden sind.» Otto Birnbaum attestiert der Schweiz eine hervorragende Ausgangslage mit viel Know-how, zahlreichen Talenten und dem nötigen Kapital. Zudem gebe es gerade in Zürich eine grosse Nähe zu Konzernen wie Google und Microsoft.

Zuletzt appellierte Roland Zeller an die anwesenden Investoren, sich weiterhin für Schweizer Startups einzusetzen und sich zu bemühen, diese trotz dem Fokus auf den Weltmarkt langfristig von den Schweizer Standortvorteilen zu überzeugen: «Lassen wir sie ihre Visionen hier bei uns verwirklichen.»

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