«Wurden Sie bereits einmal operiert?» «Nehmen Sie regelmässig Medikamente?» «Sind in ihrer Familie Fälle von Herzkreislauf-Krankheiten bekannt?» 

Bei jedem Arztbesuch dieselbe Story. Im Zeitalter von Big Data und Clouds ist es nur schwer nachvollziehbar, dass wir elementare Informationen wie unsere Krankheitsgeschichte immer wieder neu erzählen müssen. Sharing Information, durch die Digitalisierung bedeutend vereinfacht, bietet sich hier an. 

Das Potenzial von Digital Health und Sharing Information

Das «Best Practice» Beispiel Israel zeigt, was möglich ist. Übers Smartphone haben Patienten und Patientinnen nicht nur direkten Zugriff auf ihre Krankheitsgeschichte, sondern auch die Kommunikation mit Fachpersonen findet dort statt: Terminabsprachen, Rezepte und einfache medizinische Behandlungen laufen direkt darüber. Patienten haben jederzeit Zugriff auf ihre Daten und wissen genau über ihren Therapieverlauf Bescheid. Sie teilen die Daten mit ihren Ärzten. Mit wenigen Klicks sind sie auf dem gleichen Wissensstand und können Empfehlungen abgeben. Die erfolgreiche Bilanz: 

  • 12’000 Konsultationen laufen monatlich direkt übers Smartphone und 
  • unnötige Notfallbesuche wurden um 47,5 Prozent reduziert. 

Neben Zeit- und Kosteneinsparungen profitiert auch die Forschung: Durch die Aggregation von Patientendaten aus über 98% der Bevölkerung ist eine riesige Datenbank herangewachsen, die unter anderem für die Entwicklung neuer Medikamente genutzt werden kann.

Digital Health in der Schweiz

In der Schweiz wird das elektronische Patientendossier (EPD) zurzeit schrittweise eingeführt, geht allerdings weniger weit als in Israel. Der Fokus liegt auf dem Teilen von Information. Der Patient hat die Entscheidungsmacht über den eigenen Datenzugang. Während das EPD für die Bevölkerung freiwillig ist, sind Akutspitäler, psychiatrische und Reha-Kliniken verpflichtet, es bis 2020 einzuführen, Pflegeheime und Geburtshäuser bis 2022. Für andere Gesundheitsfachpersonen ist die Einführung freiwillig.

Eine Umfrage des Portals «Comparis» zeigt, dass die Schweizer gegenüber dem EPD grundsätzlich positiv eingestellt sind: 59% befürworten die Einführung von ePatientendossiers. Der grösste Gewinn sieht die Bevölkerung beim schnellen Zugang zu Informationen, beispielsweise im Notfall. Auch eine Effizienzsteigerung, zum Beispiel durch die Verminderung der Doppeluntersuchungen, wird als Vorteil des EPD wahrgenommen.

Macht- und Informationsverlagerung

Wie auch im Beitrag «Health Consumerism» thematisiert, steigert der Trend um eHealth die Emanzipation der Patienten. Es kommt zu einer Machtverlagerung vom Arzt hin zum Patienten. Die Chance, dass Patienten ihre Gesundheitsversorgung selber steuern können, ist gleichzeitig eine Herausforderung: Zum einen sind emanzipiertere Patienten, die Verantwortung übernehmen, ein Gewinn – für das System und in erster Linie für sich selber. Zum anderen beeinflusst die Verlagerung der Informationshoheit die Kommunikation zwischen dem Patienten und den verschiedenen Playern im Gesundheitswesen. Fragen, die sich Akteure im Gesundheitswesen stellen müssen, sind unter anderem folgende:

  • Welchen Einfluss hat die Einführung des EPD auf den Praxisalltag und inwiefern verändert es die Beziehung zum Arzt?
  • Wie muss sich die Arzt-Patientenkommunikation anpassen mit dem Wissen, dass Dr. Google bereits vor dem Arzt konsultiert wurde?
  • Inwiefern und wann müssen/sollen/können Patienten mit direct-to-consumer Kampagnen zu neuen Therapiemöglichkeiten informiert werden?
  • Wie können Fake News und Manipulation im Bereich Gesundheit verhindert werden?

Die Kehrseite der Medaille

Die Risiken von digitalen Patientendaten liegen auf der Hand: Neben der Manipulation von Daten, bekäme die hochemotionale Kostenthematik durch die Transparenz neuen Aufwind. Die Datengrundlage könnte dazu führen, dass noch genauer evaluiert wird, welche Therapie wo die grössten Wirkungschancen hat, wo die Kosten-Nutzen-Analyse (statistisch gesehen) negativ ausfällt und wo entsprechend auf eine (vielleicht sogar lebenswichtige) Therapie verzichtet wird.

Wie das Beispiel Israel eindrücklich zeigt, bietet E-Health eine Effizienzsteigerung, hat Präventionscharakter und kann somit Gesundheitskosten einsparen. Gerade im Hinblick auf die Konsequenzen einer immer älter werdenden Gesellschaft und der Verbreitung von nicht-übertragbaren Krankheiten, die die Gesundheitskosten in Zukunft noch mehr in die Höhe treiben, ist diese Entwicklung nötig. Trotzdem dürfen die Schattenseiten und Risiken nicht ausser Acht gelassen werden, denn Missbrauch kann in diesem Fall sogar tödlich sein.

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