Wer zum Arzt geht und nicht zumindest eine kleine Ahnung davon hat, was ihr oder ihm fehlt, gehört heutzutage zur Minderheit. Der moderne Patient kommt mit einem Wissensrucksack zu einem Arzttermin, vor allem gepackt mit Informationen aus der digitalen Welt. Bereits vor sieben Jahren zeigte eine Studie der Swisscom zum Thema Gesundheit im Social Media Zeitalter eine klare Entwicklung: 84 Prozent der befragten Privatpersonen ab 16 Jahren, wohnhaft in der Deutsch- oder Westschweiz, gaben an, sich vor oder nach einem Arztbesuch online zu informieren.

Adé «Götter in Weiss»

Viele Laien scheinen vom selbstständig erworbenen Wissen so überzeugt zu sein, dass sie meinen, die optimale Behandlung ihrer Krankheit bereits zu kennen. Wenn der Hausarzt nicht die gewünschten Massnahmen ergreift, weichen viele Patienten auf eine Notfallklinik aus – in der Hoffnung, dass dort ihre Wünsche erfüllt werden.

Der Patient konsumiert also die medizinischen Behandlungen, die er fĂĽr sich als am geeignetsten empfindet. Dies lässt die Frage laut werden, ob die Medizin immer mehr zum Konsum-Artikel geworden ist/wird. Empfehlungen von Ă„rztinnnen und Ă„rzten – ihren Leistungen wurde einst blind vertraut – werden immer mehr als Beratung angesehen oder gar in Frage gestellt.

Die ehemaligen «Götter in Weiss» erfahren einen Autoritätsverlust: «The doctor has simply become the waiter and the patient a customer ordering a menu of treatments.» Heutzutage nimmt diese Berufsgattung lediglich eine beratende Funktion ein, dies zeigt sich auch in einer Studie zur Compliance bei Medikamententherapien: Nur einer von drei Patienten macht das, was der Mediziner empfohlen hat.

Gesundheitskommunikation 2.0. – der Patient als Werbeobjekt

Dieser Health Care Trend verändert nicht nur die Arzt-Patienten-Beziehung: Im Konsummarkt ist es ĂĽblich, dass Kundinnen und Kunden angeworben werden. Dahin entwickelt sich das Gesundheitswesen. Wird die Medizin zum Konsumartikel, intensiviert und ändert sich entsprechend die Gesundheits-Kommunikation der involvierten Akteure. Alle Beteiligten des Gesundheitswesens buhlen um die Aufmerksamkeit der Endzielgruppe – den Konsumenten oder die Konsumentin.

Blicken wir z.B. auf die freie Spitalwahl: Das Ziel von Spitälern wird es immer mehr sein, mit gezielter und strategischer Kommunikation zukünftige Patienten erfolgreich anzuwerben. Gemäss dem H+ Spital- und Klinik-Barometer 2015 unterstützen 59 Prozent (von 1208 Stimmberechtigten in der Schweiz), dass Spitäler und Kliniken in der Schweiz aktiv für sich Werbung machen dürfen. Es gilt wohl als eine Informationsquelle, für die eigene Einschätzung, welche vor allem bei Personen mit hohem Bildungsabschluss und höherem Einkommen, einen grossen Einfluss auf die Wahl des Spitals hat.

Diagnose-Apps als Chance?

Der informierte Patient befasst sich nicht nur intensiver mit dem eigenen Krankheitsbild bzw. mit seiner persönlichen Gesundheit, sondern auch mit den Preisen. Dies kann sich in zwei Richtungen entwickeln: Einerseits zu einem besser überlegten Umgang mit medizinischen Ressourcen, der die immer zunehmenden Gesundheitskosten schont. Andererseits wird befürchtet, dass die Gesundheitskosten noch weiter ausser Kontrolle geraten könnten: Fake News und riesige Mengen an Gesundheitsdaten (Big Data) generiert von unzähligen elektronischen Hilfsmitteln können verunsichern und zu einer Dramatisierung von Bagatellen beitragen.

Neue E-Health Technologien können dem Ganzen aber entgegenwirken: So zum Beispiel selbstlernende Diagnose-Apps. Diese diagnostizieren Patienten ganz ohne Arztbesuch. Dabei ist es wichtig, dass die Apps klare und verlässliche Informationen geben und unsichere Patienten nicht noch mehr verunsichern. Ein Beispiel ist die App «Your.MD». Die Technologie funktioniert so, dass der User im Rahmen einer Chat-Unterhaltung seine Symptome schildert und die App weitere Frage stellt, um daraus eine Diagnose zu stellen. Wird eine Diagnose gestellt, die einen Arztbesuch verlangt, hilft die App einen passenden Mediziner oder Apotheker in der Nähe zu finden.

Wo mit Digitalisierung bereits heute tatsächlich Kosten eingespart werden könn(t)en, zeigt der Blogbeitrag zum Thema «Digital Health und Sharing Information».

Verwandte Beiträge