Eine Amerikanerin wird in die Schweiz versetzt, als Geschäftsführerin eines grossen US-Pharma-Unternehmens. Und schon tauchen ganz neue Fragen auf: Wie verhandelt man in der Schweiz? Wem gibt man die Hand, wen umarmt man, wen küsst man? Und wie benimmt man sich als Frau in der Schweizer Geschäftswelt? Bei einem Auftrittstraining unserer Agentur durfte ich diese Themen mit der Kundin durchgehen.

Zum Beispiel war sie eingeladen an einen Anlass der kantonalen Handelskammer. Wie soll sie da wen begrüssen, welche Themen eignen sich in diesem Kreis für Small Talk und welche nicht? Im Übrigen sei sie vorgewarnt worden, dass bei solchen Gelegenheiten in der Schweiz jeweils nur ganz wenige Frauen anzutreffen seien. Und kürzlich sei sie bei einem ähnlichen Treffen allen Ernstes gefragt worden, ob ihr Chef auch noch komme. Im Nachhinein wisse sie, wie sie da hätte antworten sollen: «Und Ihre Chefin, ist sie schon da?»

Dass die Frauen in der Schweiz nicht besonders gut in die Geschäftswelt integriert sind, zeigt sich auch in den Statistiken. Was mich dabei überrascht: 37 Prozent der Frauen in der Schweiz arbeiten gar nicht, 35 Prozent arbeiten Teilzeit, nur gerade 25 Prozent arbeiten voll. Was Wunder, sind Frauen bei Geschäftsanlässen kaum sichtbar, was Wunder, sind sie auf den Chefetagen selten, wenn doch nur 60 Prozent von ihnen arbeiten. Mit ihrem Buch «Lean in» hat Sheryl Sandberg eben schon einen wunden Punkt getroffen.

Damit die Frauen beruflich mehr erreichen, müssen sie zuerst mal beruflich tätig sein und sich reinhängen. Natürlich liegt es nicht nur daran (ich bin der Ansicht, dass es eine Quote braucht), aber jene 37 Prozent, die nicht arbeiten, können auch nicht befördert werden.

Klar gibt es unter ihnen viele, die sich aus dem Arbeitsleben zurückziehen, weil sie keine geeignete Lösung für die Kinderbetreuung finden. Auch ein Vaterschaftsurlaub könnte bewirken, dass die Frauen eher im Erwerbsleben bleiben.

Aber unter den 37 Prozent gibt es auch etliche gut situierte Akademikerinnen mit teuren Ausbildungen, die sich für die Kinderbetreuung zwar eine Nanny leisten, dann aber doch keine Lust auf Arbeit haben, sondern ihre Zeit lieber im Beauty Studio oder bei Gucci-Prada-Louis Vuitton verbringen.

Nicht weiter erstaunlich also, dass die Schweiz beim sogenannten Glass-Ceiling Index – einer Statistik, die die Chancen der Frauen in der Geschäftswelt anhand verschiedenster Faktoren misst – abgeschlagen auf Platz 26 liegt, knapp vor der Türkei. Die USA ist auf Platz 19, ganz vorne sind die Nordeuropäer.

Es geht nicht nur um Statistik, das Problem steckt auch in den Köpfen: Kürzlich diagnostizierte die Sonntags-Zeitung, dass ein Drittel der Unter- und Mittelstufenschüler Burnout-gefährdet sei, weil die Schule sie zu sehr belaste. Woran das liegen könnte? Ob die Mamis zu viel arbeiten, ob sich das Problem nicht lösen würde, wenn sie wieder mehr zu Hause am Herd stünden, fragte der Chefredaktor im Ernst. Ob die Papis zu viel arbeiten, fragte er nicht.

Für den Small Talk bei der Handelskammer sind solch heiklen Fragen natürlich ungeeignet. Auch vom ewigen Thema Schweiz-EU rate ich ab. Denn es kann gut sein, dass man grad einen Hardliner vor sich hat, der einem dann während der Lesedauer einer Weltwoche einen Vortrag hält über den Ritt ins Verderben, den die Annäherung an die EU mit sich brächte.

Aber auch beim Thema Wetter muss man neuerdings aufpassen. Denn seit dem Hitzesommer landet man mit dem Wetter bei der Klimapolitik und riskiert eine Front zwischen denen, die den Benzinpreis verzehnfachen wollen, und denen, die dann alle Arbeitsplätze ins Ausland abwandern sehen.

Darum empfehle ich der Amerikanerin, nur Themen zu lancieren, die völlig unbestritten sind, zum Beispiel das duale Bildungssystem, die direkte Demokratie oder den föderalen Steuerwettbewerb. Denn eine Amerikanerin, die die Schweizer auf ihre Erfolgsfaktoren anspricht, wird ganz bestimmt auch als Frau unter Männern punkten.

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