Die Krankenversicherungsprämien steigen im kommenden Jahr nur moderat, in einigen Kantonen sinken sie sogar. Ist das Schweizer Gesundheitswesen nun auf dem Genesungsweg? Oder ist die Ankündigung von Gesundheitsminister Alain Berset ein taktisches Spiel vor den Wahlen? Diese und weitere aktuelle Fragen diskutierten Vertreter verschiedener Leistungserbringer am «Expertentalk zur Lage des Gesundheitssystems Schweiz» in Zürich.

Der Expertentalk zeigt auf: es gibt zahlreiche Massnahmen, welche die Gesundheitskosten senken können. Entscheidend wird es daher sein, dass die unterschiedlichen Leistungserbringer im Gesundheitsbereich zusammenarbeiten und den Weg gemeinsam gehen. Nicht zuletzt braucht es aber auch verantwortungsbewusste Patienten, die ihren Teil für ein «gesundes» Schweizer Gesundheitssystem beitragen.

Fehlende Beiträge der Kantone führen dazu, dass Spitäler rentieren müssen

Die Pharmabranche hat durch die Senkung der Arzneimittelpreise seit 2012 rund 1 Milliarde Franken eingespart und die vor Jahren eingeleiteten Massnahmen zur Kosteneinsparung scheinen nun auch tatsächlich gegriffen zu haben, ist der Tenor der Expertenrunde. René P. Buholzer, Geschäftsführer bei interpharma, plädiert dafür, dass es nicht nur die Pharmabranche sein kann, die einsparen muss. Er weist darauf hin, wie wichtig die Pharmaindustrie als Wirtschaftszweig für die Schweiz ist.

Dass Sparanstrengungen nun aber gerade auch bei weiteren Leistungserbringern zentral sind, lässt sich nicht wegdiskutieren, meint Katja Bruni, Direktorin Pflege und MTTB am Universitätsspital Zürich: Fehlende Beiträge der Kantone führen dazu, dass die Einnahmen und Ausgaben der Spitäler in Einklang gebracht werden müssen, d.h. dass sie rentieren müssen: Dürfen Kantonsspitäler also immer weiter ausbauen, auch wenn bereits heute Überkapazitäten bestehen?

Beim Thema «Medikamente» kritisiert Anna Sax, Leiterin Gesundheitsamt Kanton Schaffhausen, die akute Problematik der Nichtverfügbarkeit bzw. Engpässe bei verschiedenen Medikamenten: Die Zulassungsprozesse dauern lange und sind administrativ aufwändig, die langwierigen Preisdiskussionen gehen zu Lasten der Gesundheit der Patienten.

Dr. med. Christoph Bosshard, Vizepräsident der FMH, findet es beunruhigend, dass in der Schweiz – aufgrund der hiesigen Zulassungsverfahren – Patienten keinen Zugang zu gewissen wirkungsvollen Medikamenten haben, die im europäischen Umland zugelassen sind.

Patienten haben die Aufgabe, sich besser zu informieren und mehr Verantwortung zu übernehmen

Grosse Hoffnung setzen die Experten in die integrierte Versorgung: der Patient und seine Bedürfnisse sollen vermehrt ins Zentrum gestellt werden, er soll besser angehört und wahrgenommen werden. Gleichzeitig hat der Patient die Aufgabe, sich besser zu informieren und mehr Verantwortung zu übernehmen.

Was ist nun aber der vielversprechendste Weg zu einem «gesunden» Schweizer Gesundheitswesen? Wäre die Bildung verschiedener Gesundheitsregionen, wie es gerade in Dänemark umgesetzt wird, die Lösung? Im skandinavischen Land wurde, um Kosten einzusparen, innerhalb weniger Jahr die Anzahl der Spitäler von 79 auf 53 reduziert.

Stephanie von Orelli, Departementsleiterin Frau-Mutter-Kind und Chefärztin Frauenklinik Triemli, stellt auch in der Schweiz ein klarer Trend zur Zentralisierung fest, gibt aber zu bedenken, dass Gesundheitsregionen gerade hinsichtlich des Schweizer Föderalismus und der Partikularinteressen schwierig umzusetzen sind.

Katja Bruni setzt grosse Hoffnungen in Versorgungsregionen und ist der Meinung, dass Spitäler, die nicht gut performen, auch mal Konkurs gehen sollen. Sie appelliert hier an die Patienten, die sich im Vorfeld einer geplanten Behandlung eigenständig über die Fallzahlen informieren sollen und so aktiv auch den Wettbewerb unter den Spitälern fördern. Aber je grösser ein Spital ist, umso schwieriger sei es, die vertikale Behandlungskette umzusetzen, weiss Katja Bruni.

Der CEO SWICA Gesundheitsorganisation, Reto Dahinden, wirft in dieser Diskussion ein, dass die betroffenen Patienten einer Spitalschliessung eher kritisch gegenüberstehen. Wer möchte schon nach einer Fraktur beim Skifahren in ein weiter entlegenes Spital fahren müssen, als direkt im Skiort von einem erfahrenen Unfallchirurgen behandelt zu werden?