Lorenzo Quadri vor Cédric Wermuth und Albert Rösti – das sind die bisherigen Parlamentarier, die im Wahlkampf mit ihren Facebook-Posts insgesamt am meisten Reaktionen ausgelöst haben. Geschafft haben sie dies mit emotionalen und polarisierenden Beiträgen – etwa zum Vaterschaftsurlaub, Klimawandel und Landwirtschaftsinitiativen.

Auf Twitter, in der Schweiz die Journalisten- und Politikerplattform, führt Roger Köppel vor Claudio Zanetti und Cédric Wermuth das Feld der erfolgreichsten Twitterer an. Zanetti beweist, dass rege Twitter-Nutzung noch lange kein Garant für den Wahlerfolg ist.

Auf dem ersten Platz bei Facebook thront der Tessiner Nationalrat Lorenzo Quadri von der Lega. Seine Posts ernteten im Wahlkampf insgesamt über 78’000 Interaktionen (Likes, «Reactions», Shares und Kommentare). Getreu dem Motto «throw enough mud at the wall and some of it will stick», verteilen sich diese aber auf rekordverdächtige 939 Posts innerhalb von sechs Monaten: mehr als fünf pro Tag!

RangKandidatinParteiInteraktionen
1Lorenzo QuadriLega78’516
2Cédric WermuthSP53’820
3Albert RöstiSVP45’719
4Marco ChiesaSVP41’761
5Marina CarobbioSP28’584
6Mathias ReynardSP25’750
7Lukas ReimannSVP20’675
8Daniel JositschSP18’171
9Fabian MolinaSP16’816
10Roger KöppelSVP15’741
Kumulierte Likes, Reactions, Comments und Shares auf Facebook– Kandidaten, 20.04. – 20.10.19 | Daten: Fanpage Karma

Am meisten Interaktionen löste der 44-Jährige mit einem Bild-Post aus, auf dem der Ausschnitt einer Geografieprüfung zu sehen ist: Rund 360 «Reactions» («Like», «Love», «Haha», «Wow», «Traurig» und «Wütend») und 260 Kommentare. Darin empört er sich, weil ein Schüler, der sich weigerte, eine Frage zu beantworten, mit Punkteabzug bestraft wurde. Der Lehrer wollte darin wissen, weshalb Ausländer eine Bereicherung für den Kanton Tessin darstellen. «Scuola rossa» lautet sein eindeutiges Urteil.

Wermuth sorgt mit emotionalen Themen für Furore

Auf Platz zwei folgt – am anderen Ende des politischen Spektrums – SP-Nationalrat Cédric Wermuth mit über 53’000 Interaktionen. Für seinen erfolgreichsten Beitrag erntete er fast 3400 «Reactions» sowie 230 Kommentare. Der Post wurde zudem 840 Mal geteilt. Wermuth schafft es, mit emotionalen Themen zu bewegen. In seinem erfolgreichsten Post macht er sich für den Vaterschaftsurlaub stark – ein Thema, mit dem Wermuth im Sommer 2018 auch in den Medien für Furore sorgte, als er die Sommersession nach der Geburt seiner zweiten Tochter geschwänzt hatte.

Aber auch mit seinen anderen erfolgreichsten Posts polarisiert er: Vor einem Monat postete er einen Film mit der Überschrift «Wie gekauft ist unser Parlament?», indem aufgezeigt wird, dass jährlich Millionen von Franken in die Lobbyarbeit von Schweizer Politikern fliessen. Der Aargauer macht sich daraufhin dafür stark, dass solche Parlamentarier nicht mehr wählbar seien, und weibelt für seine Wiederwahl.

Rund eine A4-Seite Text – so lange ist Albert Röstis erfolgreichster Facebook-Post

Auch der drittplatzierte SVP-Parteipräsident Albert Rösti (insgesamt 46’000 Interaktionen) scheut den Frontalangriff nicht: In seinem erfolgreichsten Facebook-Post rügt er die «Rot-Grünen»: «Was hier gesagt wird, was die Landwirtschaft alles nicht tut, alles schlecht macht, das geht – um in der Landwirtschaftssprache zu sprechen – schon auf keine Kuhhaut», so Rösti. Er erläutert in ausschweifenden Worten, weshalb sich die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative der grünen Klimapolitik seiner Meinung nach widersprechen.

Auffallend ist, dass die erfolgreichsten Facebook-Posts der Politiker oftmals aus sehr langen Fliesstexten bestehen. Albert Röstsis zitierter Beitrag enthält ganze 4600 Zeichen – dies entspricht einer A4-Seite Times New Roman, Schriftgrösse 11. Man würde eigentlich denken, dass kurze und knappe Beiträge und vor allem gute Bilder viel mehr Aufsehen erregen. Tests mit Social Ads belegen jedoch das Gegenteil.

Zanetti ist der aktivste Twitterer – seine Inhalte sorgten aber für Verärgerung

Während auf Facebook die breite Bevölkerung abgeholt wird, gehören auf dem Kurznachrichtendienst Twitter in der Schweiz insbesondere Journalisten und Politiker zu den Hauptusern – ob dies Claudio Zanetti zum Verhängnis wurde? Mit über 10’100 Tweets in den letzten sechs Monaten ist er zwar der aktivste Twitterer unter den Schweizer Bundesparlamentariern, aber der SVP-Nationalrat schaffte seine Wiederwahl am 20. Oktober nicht mehr.

Ob Zanettis gescheiterte Wiederwahl nach Bundesbern mit seinen scharfzüngigen Tweets in Zusammenhang steht, wissen wir nicht. Negativ aufgefallen ist der Jurist auf Twitter jedoch immer wieder: Beispielsweise als er sich im letzten Jahr kurz vor Weihnachten einen Schlagabtausch mit der Zürcher Stadtpolizei lieferte und damit die Social-Media-Gemeinde verärgerte. Der 51-Jährige wies mit dem Foto eines Bettlers auf das Bettelverbot hin und fragte vorwurfsvoll: «Ist die Stadtpolizei in der Vorweihnachtszeit nur mit den Bettlern kulant, oder profitieren auch die Autofahrer?»

Nachdem er die Polizei darauf hinwies, dass sie doch mit offenen Augen durch die Strassen gehen sollen, folgte die Retourkutsche der Zürcher Stadtpolizei: Sie dankte für «den Input» sowie das Interesse an ihrem Beruf und verlinkte auf ihre Bewerbungsunterlagen.

Am meisten Aufsehen erregte der Zürcher im Wahlkampf mit einem Bild, auf dem Barack Obamas Villa in Meeresnähe zu sehen ist. Er leugnet in seinem Kommentar dazu nicht nur den Klimawandel, sondern unterstellt dem ehemaligen US-Präsidenten gleichzeitig eine Verschwörung. Trotz verpasster Wiederwahl twitterte sich Zanetti mit 48’000 Likes und Retweets immerhin auf unseren (Rang-)listenplatz 2.

RangKandidatinParteiLikes und Retweets
1Roger KöppelSVP166’944
2Claudio ZanettiSVP47’680
3Cédric WermuthSP25’172
4Barbara SteinemannSVP11’456
5Jacqueline BadranSP11’201
6Gerhard PfisterCVP10’700
7Regula RytzGrüne7434
8Adèle ThorensGrüne6771
9Mathias ReynardSP6682
10Balthasar GlättliGrüne6627
Kumulierte Likes und Retweets auf Twitter Kandidaten, 20.04. – 20.10.19| Daten: Fanpage Karma

Die Klimadebatte veranlasst Roger Köppel immer wieder zu kontroversen Tweets

Sich auf 280 Zeichen pro Tweet zu beschränken und damit für viel Interaktion zu sorgen, liegt nebst Claudio Zanetti auch Roger Köppel, und erneut belegt Cédric Wermuth einen Spitzenplatz. SVP-Nationalrat Köppel, der sich im Wahlkampf um den Zürcher Ständeratssitz zurückgezogen hat, polarisiert am stärksten mit einem Tweet, bei dem es um den Klimawandel geht: Er greift darin Greta Thunberg an und bezichtigt sie, «keine Ahnung von Physik, Meteorologie oder Klimatologie» zu haben, weshalb Klimakonferenzen mehr mit Aufwiegelung als Wissenschaft zu tun hätten. Rund 5300 Likes erhielt er für diesen Tweet und er wurde über 1900 Mal geretweetet.

Auch seine übrigen erfolgreichsten Tweets handeln oft vom Klimawandel oder er verteidigt den ehemaligen italienischen Innenminister Matteo Salvini bzw. die AfD, dass diese nichts mit Rechtsextremismus zu tun hätten. Insgesamt sammelt er so 167’000 Likes und Retweets im letzten halben Jahr – mit Abstand Platz 1.

Ein SP-Mann, der sich für einen SVP-Bundesrat einsetzt – viele Interaktionen sind garantiert

547 Likes und 44 Retweets erhielt der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth für einen Tweet, bei dem er Bundesrat Ueli Maurers Englischkenntnisse in Schutz nimmt – eine mutige Geste von einem Linken für einen SVP-Mann. Maurers legendäres CNN-Interview im Rahmen seines Trump-Besuchs vergangenen Sommer sorgte national und international für Schlagzeilen – einerseits, weil er sich aufgrund seiner schlechten Englischkenntnisse bis auf die Knochen blamierte, andererseits aber auch, weil seine Berater diese Panne hätten vermeiden können.

Wermuth scheut sich auch nicht, auf Twitter die Schweizer Medien zu schelten – Grund: «Niemand» berichtete über den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Insgesamt belegt der ehemalige Juso-Präsident mit rund 25’000 Likes und Retweets Platz 3 unseres Rankings.

Die Parlamentarierinnen sind ihren männlichen Kollegen auf den Fersen

Social Media ist übrigens keineswegs eine reine Männerangelegenheit, auch wenn Frauen es nicht in die Top 3 geschafft haben. Unter den bisherigen Parlamentarierinnen sind SP-Nationalrätin Nadine Masshardt bei Facebook und Nationalrätin Adèle Thorens der Grünen bei Twitter die aktivsten Nutzerinnen.

Fazit: Wer auf Social Media die obersten Listenplätze in puncto Interaktionen erhalten will, muss einerseits mehrmals täglich Posts bzw. Tweets absetzen und andererseits mutig sein. Nur wer polarisiert und für Aufsehen sorgt, wird mit Reaktionen überschüttet. Zu weit aus dem Fenster lehnen sollte man sich aber auch nicht, wen man sich hinter der Tastatur verstecken kann, wie das Beispiel von Claudio Zanetti zeigt. Von der NZZ auf seine Wahlniederlage angesprochen, meinte er, die Schlappe sei «nicht so tragisch», und begründet: Es liege offenbar daran, dass er sich in gewissen Fragen eine eigene Meinung leiste.

Im nächsten Blogbeitrag nimmt Kaspar Schoch die drei Parteien, die auf Facebook und Twitter am erfolgreichsten performen, genauer unter die Lupe.

Disclaimer: Interaktionen auf Facebook und Twitter können mittels bezahlter Werbung erhöht werden. Da von aussen nicht vollumfänglich festgestellt werden kann, ob es sich um bezahlte Werbung oder um einen organischen Post bzw. Tweet handelt, wurde an dieser Stelle auf eine Differenzierung verzichtet.