Compute ist Standortpolitik: Warum die Schweiz mehr Rechenzentren braucht und Akzeptanz lokal beginnt

Der Protest gegen das im Bau befindliche Rechenzentrum in Beringen im Kanton Schaffhausen hat eine längst überfällige Debatte ausgelöst. Die Fragen rund um Rechenzentren sind berechtigt. Infrastrukturen, auch digitale, brauchen Strom, Wasser und Fläche. Zudem generieren sie Emissionen. Rechenzentren sind anspruchsvoll in Planung, Bau und sicherem Betrieb. Doch wenn der Blick aufs Wesentliche verstellt wird, greift die Diskussion zu kurz. Die Rechenleistung, die Data Centers bereitstellen, ist der Rohstoff der Zukunft. KI wird der entscheidende globale Treiber für Innovation sein. Diese wirtschaftspolitische Chance für die ressourcenarme Schweiz packen wir nur, wenn wir digitale Infrastrukturen im eigenen Land bewusst ermöglichen. Immer mit klaren Bedingungen und spürbarem Nutzen für die Standorte.

Die Cloud hat einen Standort

Digitale Arbeitsplätze sind in der Cloud. Digitale Wertschöpfung passiert in der Cloud. Auch KI braucht Cloud. Sie findet nicht im luftleeren Raum statt. Modelle werden in Rechenzentren trainiert, angepasst und betrieben. Unternehmen benötigen diese Rechenleistung, um ihre Prozesse und Systeme zu steuern und zu optimieren, effizienter zu werden, bessere Entscheide zu treffen, Innovation zu ermöglichen, Sicherheit zu gewährleisten. Die bereitgestellte Rechenleistung, «Compute», wird damit zu einem strategischen Produktionsfaktor, ähnlich wie Energie, Kapital und qualifizierte Arbeitskräfte.

Natürlich ist das keine lineare Gleichung. Ein zusätzliches Megawatt Rechenleistung erhöht das Bruttoinlandprodukt nicht automatisch. Entscheidend sind auch Fachkräfte, Netze und die Fähigkeit der Unternehmen, KI wirklich produktiv einzusetzen. Die OECD schätzte 2024, dass KI die jährliche Arbeitsproduktivität über zehn Jahre um 0,4 bis 0,9 Prozentpunkte erhöhen könnte. Auch wenn dies eine Modellrechnung und keine Garantie ist: Wenn KI breit in der Wirtschaft ankommt, sind solche Grössenordnungen möglich.

Es ist offensichtlich, dass die Rechenleistung nicht für jede Anwendung zwingend im eigenen Land sein muss. Dies bringt aber handfeste Vorteile:  kürzere Latenzzeiten, höhere Resilienz, Datensouveränität und die Chance, ein lokales Ökosystem aufzubauen. Die entscheidende strategische Frage lautet deshalb nicht (nur), ob Schweizer Unternehmen KI nutzen. Sondern, wo die nötige Infrastruktur steht, wo das Know-how entsteht und wo die Wertschöpfung bleibt.

datacenter-innenansicht

Jevons im Rechenzentrum

Die Schweiz kann das nicht mit bestehender Infrastruktur stemmen. Klar: Chips werden effizienter, Modelle genauso. Laut der Internationalen Energieagentur sank der Energiebedarf pro KI-Aufgabe in den vergangenen Jahren jährlich mindestens um eine Grössenordnung. Aber: Gleichzeitig entstehen neue Anwendungen. Videoerzeugung, komplexes Schlussfolgern und KI-Agenten benötigen teilweise hundert- oder tausendmal mehr Energie als eine einfache Textabfrage, die Datenmenge steigt ungebremst.

Das ist das Jevons-Paradoxon in der Praxis: Steigt die technologische Effizienz, wäre zu erwarten, dass der Ressourcenverbrauch sinkt. Das Gegenteil tritt ein, er steigt insgesamt sogar an. Die IEA erwartet, dass sich der weltweite Strombedarf von Rechenzentren von 485 Terawattstunden im Jahr 2025 auf rund 950 Terawattstunden im Jahr 2030 verdoppelt. Bei KI-fokussierten Anlagen rechnet sie sogar mit einer Verdreifachung. Das ist kein Argument gegen Effizienz. Es zeigt einzig auf, dass Effizienz allein nicht ausreicht. Für die Schweiz folgt daraus eine Doppelstrategie. Rechenzentren und ihre IT müssen effizienter werden. Und gleichzeitig müssen Stromproduktion, Netze und Rechenkapazität mit dem Bedarf wachsen.

Das Bundesamt für Energie beziffert den Strombedarf von Schweizer Rechenzentren 2024 auf 2,1 Terawattstunden, also 3,6 Prozent des Landesverbrauchs. Bis 2030 erwartet es je nach Szenario 2,5 bis 3,5 Terawattstunden. Gleichzeitig beziffert es das Effizienzpotenzial auf rund 0,8 Terawattstunden. Es ist also beides nötig, Effizienz und Ausbau.

datacenter-schweizer-landschaft

Eine starke Ausgangslage ist noch kein Vorsprung

Die Schweiz verfügt über knapp 120 kommerzielle Rechenzentren und gemäss EnergieSchweiz über die höchste Dichte pro Kopf in Europa. Beim Training grosser Sprachmodelle spielt sie bisher trotzdem kaum eine Rolle (mit der Ausnahme des Supercomputer Alps am CSCS in Lugano). Der Schweizerische Wissenschaftsrat forderte im Mai 2026 deshalb eine nationale KI-Infrastrukturstrategie mit ausreichenden Rechenressourcen und langfristiger Finanzierung.

Die Voraussetzungen jedenfalls stimmen. Was mit grossen Standorten von Google und Meta begann, hat sich im Wirtschaftsraum Zürich–Zug zu einem dichten Technologiecluster entwickelt. Heute gehören dazu die ETH Zürich, OpenAI und NVIDIA ebenso wie Robotikunternehmen aus dem ETH-Umfeld. In Zürich hat zudem das vom Boston-Dynamics-Gründer Marc Raibert initiierte Robotics and AI Institute ein internationales Forschungszentrum aufgebaut. Das Etikett «Silicon Valley Europas» mag eine Ambition sein. Die Konzentration von Forschung, Talenten und Unternehmen ist real.

Doch dies geht nicht von alleine so weiter. Der aktuelle BFE-Grundlagenbericht nennt hohe Strompreise, knappe Flächen und Netzkapazitäten sowie lange Verfahren als Hindernisse für grosse Trainingscluster. Umso wichtiger ist es, realistische Stärken konsequent auszubauen: KI-Umgebungen, Inferenz, Nachtraining und branchenspezifische Modelle für Finanzwirtschaft, Pharma, Industrie und Forschung.

Die Schweizer KI-Achse
swissAI verbindet die Expertise der AI-Wirtschaft und die Innovationskraft der Schweizer Forschung mit dem konkreten Bedarf von Gesellschaft, Verwaltung und der Gesamtwirtschaft in der Schweiz. Als gemeinnütziger, neutraler Verband stärkt swissAI Anwenderkompetenz, macht das Schweizer Ökosystem sichtbar und vernetzt Menschen und Organisationen. So entstehen Orientierung und verantwortungsvolle, zukunftsgerichtete Nutzung.

Location, Location, Location: Drei Partner für einen Standortpakt

Wie so oft in der kleinen Schweiz ist die Standortfrage komplex. Nicht unähnlich der Handy-Antenne, die niemand in seinem Garten haben möchte, bringen auch Rechenzentren Konfliktpotenzial. Will die Schweiz hier erfolgreich sein, braucht es gesellschaftliche Akzeptanz. Beringen wählt ein Modell, das Schule machen sollte – trotz des aktuellen Konflikts. Im Vollausbau sind dort 36 Megawatt IT-Leistung vorgesehen. Der erwartete Wasserverbrauch liegt bei 55’000 Kubikmetern pro Jahr, gleichzeitig sollen bis zu 10 Megawatt Abwärme entstehen. Nun gibt es einen Wasservertrag, der der Versorgung der Gemeinde Vorrang gibt. Und der Betreiber will die Abwärme kostenlos bereitstellen. Solche Vereinbarungen ersetzen allgemeine Versprechen durch prüfbare Bedingungen.

Allgemein gesprochen braucht es für Gemeinden frühzeitig belastbare Angaben zu Strom, Wasser, Verkehr, Sicherheit, Steuern und Abwärme. Sie sollen nicht nur über ein fertiges Projekt abstimmen, sondern den lokalen Nutzen und die Grenzen des Projekts mitgestalten. Verlässliche Standards schaffen dabei nicht nur Vertrauen, sondern auch Investitionssicherheit.

Bau- und Planungsunternehmen machen den Nutzen konkret. Effiziente Gebäude, wassersparende Kühlung, Wärmenetze und Schweizer Zulieferer übersetzen eine Compute-Strategie in gelebte lokale Wertschöpfung. Das 2024 eröffnete Rechenzentrum D4 von Infomaniak in Genf, beispielsweise, soll im Vollausbau jährlich 14,9 Gigawattstunden Wärme liefern. Rechnerisch reicht das im Winter für rund 6’000 energieeffiziente Wohnungen.

Für Betreiber gilt es, die gesellschaftliche Betriebslizenz schon vor dem Baugesuch zu gewinnen. Dazu gehören transparente Kennzahlen zu Energie- und Wasserverbrauch, verbindliche Abwärmekonzepte, ein lokaler Ansprechpartner und ein nachvollziehbarer Beitrag zum Standort. Stromnetz-, Energie- und Wärmeverbundbetreiber müssen bei allen drei Partnern von Beginn an am Tisch sitzen.

Mehr Compute. Aber richtig.

Das Ziel sollte nicht die grösstmögliche Zahl an Rechenzentren sein, sondern möglichst viel effiziente und strategisch relevante Rechenleistung pro knapper Kilowattstunde und pro Quadratmeter. Dazu braucht es zusätzliche Rechenzentren. Es braucht aber ebenso mehr Stromproduktion, stärkere Netze, nutzbare Abwärme und verlässliche Verfahren.

Der Schweiz bietet sich die einmalige Chance, im KI-Zeitalter eine der führenden Volkswirtschaften Europas zu bleiben und ihre Position weiter auszubauen. Forschung, Talente, Unternehmen und institutionelles Vertrauen sind vorhanden. Jetzt muss die physische Infrastruktur mitwachsen. Wer Rechenleistung nur als Belastung behandelt, riskiert, dass Wertschöpfung künftig anderswo entsteht. Und wer sie ohne Rücksicht auf lokale Ressourcen baut, verliert die nötige Akzeptanz. Ein Standortpakt zwischen Gemeinden, Bauwirtschaft und Betreibern kann beides vermeiden.