Journalismus ein Traumberuf? «Das glaube ich nicht...»

Redaktionen werden verkleinert, Budgets gekürzt, Formate verschwinden: Der Journalismus steht unter Druck und in stetigem Wandel. Technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche stellen Fragen an dieses Berufsfeld, verändern die Zusammenarbeit mit Kommunikationsleuten und eröffnen zugleich neue Möglichkeiten – reichlich Diskussionsstoff für unsere Gäste auf dem Podium.

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Am 25. Juni wurde unser Zürcher Agenturstandort zum Treffpunkt für einen offenen Austausch darüber, was der aktuelle Wandel im Journalismus für Redaktionen, für Unternehmen, für die Ausbildung von angehenden Journalist*innen bedeutet. Anlass war die Vorstellung der Ergebnisse einer aktuellen Umfrage unter Schweizer Medienschaffenden und schnell wurde klar: Es ging um mehr als Zahlen. Es ging um den Zustand und die Zukunft einer ganzen Branche.

Ein Podium, drei Perspektiven

Auf dem Podium:

  • Reza Rafi, Chefredaktor des SonntagsBlick
  • Karin Blumer, Head Corporate Affairs bei Bristol Myers Squibb
  • Beat Rüdt, Leiter Weiterbildung am MAZ

Die Zusammensetzung versprach indes unterschiedliche Zugänge zum Thema. Mit Rafi sprach die journalistische Praxis, mit Blumer die Sicht der Unternehmenskommunikation, mit Rüdt die Perspektive der Aus- und Weiterbildung. So wurde aus der Diskussion keine Selbstbespiegelung des Journalismus, sondern ein Austausch über Erwartungen, Möglichkeiten sowie über Grenzen in den Zwischenräumen dieser Branche.

Ist der Journalismus wirklich noch ein Traumberuf?
Die erste Frage liess bereits etwas Skepsis mitschwingen. Gemäss Studie nennen zwei Drittel der Befragten den Journalismus einen Traumberuf. «Ich kann das kaum glauben», eröffnete Moderator Martin Hofer, Senior Consultant bei Farner, das Gespräch. Denn trotz zunehmenden wirtschaftlichen Druckes, trotz schrumpfender Redaktionen und unsicherer Perspektiven, bleibt die berufliche Leidenschaft bei vielen Medienschaffenden ungebrochen. Beat Rüdt erklärte, das gelte «solange man so arbeiten kann wie vorgenommen». Angehende Journalist*innen wollten nach wie vor ausführliche Reportagen machen, würden im Berufsleben dann aber rasch von der Realität eingeholt. Karin Blumer beteuerte ihre anhaltende Faszination für den Beruf, denn «die Welt erklären zu können, ist etwas Wunderbares», trotzdem sieht auch sie die Zukunft des Berufs als so unsicher wie wenige andere. Reza Rafi vermutete einen Bias bei den Umfrageteilnehmenden, denn wahrscheinlich hätten sich viele derjenigen an der Umfrage beteiligt, die Journalismus nicht unter Stress ausüben müssten und eben Zeit dafür gefunden hätten.

«Wenn man nur die schweren und seriösen Themen bedient, verliert man die Leute.»
Mit dem Idealbild vom Journalismus als Traumberuf geht ein Spannungsfeld einher: Viele Medienschaffende möchten eigentlich vertieft recherchieren, kontextualisieren und einordnen, stehen aber im redaktionellen Alltag unter erheblichem Zeitdruck. Beat Rüdt spricht sich für eine Balance von Themen aus: «Wenn man nur die schweren und seriösen Themen bedient, verliert man die Leute.» Der Spagat zwischen inhaltlicher Tiefe und publikumswirksamer Aufbereitung ist allgegenwärtig. Journalist*innen bewegen sich heute in einem Umfeld, das sowohl schnelle Aufmerksamkeit als auch verlässliche Qualität verlangt. Mit Blick auf die Umfrageergebnisse sind Journalistinnen und Journalisten oft hin und her gerissen und müssen sich im Alltag auch dem Sensationsjournalismus hingeben.

Wandel, der verbindet und ein Wunsch an die Unternehmen
Trotz oder wegen dieser Herausforderungen war die Kernaussage deutlich: Die Medienwelt verändert sich und mit ihr die Kommunikationslandschaft sowie die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Redaktionen. Der Journalismus wird aber immer eine relevante Rolle in unserer Gesellschaft spielen.

Blumer verwies darauf, wie Unternehmen heute zunehmend eigene Kanäle bespielen und erklärte, dass aus ihrer Erfahrung die Interaktion mit Redaktionen schwieriger geworden ist. Gleichzeitig sei der professionelle Journalismus wichtiger denn je: «Für mich sind Medien der Spiegel, den wir brauchen.» Rafi betonte, dass die Redaktion z.B. für die Einordnung zu einem Grossereignis heute schneller und vielfältiger auf mehr Quellen zugreifen könne als früher. Das sei zumindest in diesem Bereich ein möglicher Qualitätsgewinn trotz Einsparungen.

Rüdt meinte, dass durch den Umbruch neu gegründete Lokalnewsplattformen Mut machten. Gleichzeitig warnte er vor der Illusion, alles sei wie früher. Die Ausbildung am MAZ müsse heute stärker denn je vermitteln, wie Realität funktioniert und welche Grenzen sie Journalist*innen setzt.

Zum Abschluss fragte Martin Hofer Reza Rafi, was denn sein Wunsch an Zusammenarbeit sei, wenn Unternehmen oder Agenturen bei ihnen aufschlagen. Ganz sachlich antwortete er darauf: «Man sollte öfters miteinander reden. Das Gespräch zu suchen, ist immer das Nachhaltigste.»

Es ist die Technologie, die den Wandel treibt
Am Ende der Runde bot sich die Gelegenheit für das Publikum, Fragen zu stellen und ein Schwerpunkt lag dabei auf der Bedeutung von Social Media: Fast alle im Raum waren sich einig, dass digitale Plattformen die Spielregeln verändert haben und dass Medien dort präsent sein müssen, ohne sich an Influencer-Narrative anzubiedern. «Technologie treibt ganz klar den Wandel», stellte Rafi klar. Das Nutzerverhalten sei nicht neutral, es werde gesteuert, ergänzte Rüdt.

Die Frage, wie Unternehmen auf diese Entwicklungen reagieren sollten, wurde offen, aber durchaus selbstkritisch diskutiert. «Es ist im Interesse der Unternehmen, dass jemand da ist, der sie beobachtet», sagte Rüdt. Eine klare Haltung, die bei den anwesenden Kommunikationsprofis auf Zustimmung traf.