Kaffee & Krise mit Lukas Hässig: «Wie wählen Sie Ihre Opfer aus, Herr Hässig?»

Mit Inside Paradeplatz treibt Lukas Hässig täglich Schweissperlen in die Gesichter von Schweizer Führungspersonen. Im Interview erzählt er wie er oft abdrückt, ohne zu Ende zu recherchieren, und dabei versucht rechtliche Fallstricke zu umgehen. Er erzählt, wie ihm die Geschichten heute zufliegen, was er Betroffenen rät, die in sein Visier geraten und ob er Mitleid mit diesen empfindet.

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Inside Paradeplatz beschert uns Krisenberatern regelmässig Kunden. Eigentlich müssten wir Ihnen dafür danken – wenn wir nicht wüssten, wie stressig es für die Betroffenen ist… [Lukas Hässig schmunzelt]

Wie wählen Sie Ihre Opfer aus?
Ich muss heute kaum mehr «fischen» gehen. Inside Paradeplatz ist eine Art Geschichtenmagnet geworden. Ich kriege viele Hinweise von aussen zugespielt. Man sieht mich als Sorgentelefon.

Wieviel verdienen Sie an den Geschichten?
Ich lebe gut, aber nicht auf grossem Fuss. Fünf Kinder müssen versorgt, Steuern müssen bezahlt werden. Und dann sind da noch meine Rechtstreitigkeiten, die mit hohen Anwaltskosten verbunden sind [zeigt auf den Papierstapel von Fällen auf seinem Pult].  

Ihr Geschäftsmodell rentiert bestens, das weiss die ganze Branche
Es könnte mehr sein – und ich habe den Ehrgeiz zu wachsen. Um das zu erreichen, muss ich vieles sehr schnell machen…

 

«Ich muss produzieren und kann nicht alles zu Ende recherchieren.»

…das merkt man. Das führt dazu, dass Sie bei einer Geschichte gerne mal einfach abdrücken, auch wenn die Informations- und Quellenlage dünn ist. Das Kalkül: Es werden sich dann schon weitere Informanten melden und die Story substantiieren.
Das ist so. Ich muss produzieren und kann nicht alles zu Ende recherchieren.

Also wie Dynamitfischen? Sie werfen den Sprengsatz und schauen, was an die Oberfläche steigt?
Üblicherweise sagt man, ich schiesse mit der Schrotflinte ins Gebüsch und schaue was rauskommt. Das ist nicht falsch.

Sie übernehmen die «Schmutzarbeit» für die traditionellen Medien, die sie dann zitieren, wenn sich eine Geschichte als Treffer erweist?
Ich bin überzeugt: Wo Rauch ist, ist meist auch Feuer. Zudem habe ich den Eindruck, dass auch bei traditionellen Medien, die oft mindestens zwei Quellen verlangen, viele Fehler passieren. 

«Aufgrund der zahlreichen Verfahren gegen mich, habe ich aber inzwischen eine gute Routine, weiss, wie ich die Dinge formulieren muss, um die medienrechtlichen Fallstricke zu umgehen.»

Gibt es keine roten Linien für Sie?
Bei ganz heissem Stoff, bei gravierenden Vorwürfen, überlege ich mir schon gut, wie ich es angehe. Ich bezahle auch den Preis, wenn mir Fehler unterlaufen. Aufgrund der zahlreichen Verfahren gegen mich, habe ich aber inzwischen eine gute Routine, weiss, wie ich die Dinge formulieren muss, um die medienrechtlichen Fallstricke zu umgehen.

Wie denn?
Mein Medienanwalt rät mir: Umso weniger Adjektive ich verwende, umso weniger Personen im Text identifizierbar sind, desto besser.

Sie überlassen es der Fantasie der Leser?
Richtig. Meine Erfahrung: Wenn Personen namentlich nicht genannt werden, nicht eindeutig identifizierbar sind, macht es die Leser noch neugieriger.

Manchmal weben sie pikante persönliche, oft irrelevante Einzelheiten ein oder erwähnen bekannte Persönlichkeiten, die nichts mit dem Kern der Geschichte zu tun haben, nur um einen Effekt zu erzielen. Damit sollen Hinweisgeber ermutigt werden, sich bei Ihnen zu melden?
Manchmal zeigt sich in der Folge, dass da mehr dran ist, als ich zu Beginn belegen kann. Die fehlenden Puzzle-Teile werden dann von neuen Quellen geliefert.

Auf Inside Paradeplatz werden manchmal Menschen, die rechtlich gesehen nicht Personen des öffentlichen Lebens sind, mit Foto identifizierbar gemacht, auch wenn Sie deren Augen mit einem schwarzen Balken unkenntlich machen. Weshalb?
Wenn ich solche Bilder verwende, dann ist es so, dass diese von den Personen selbst öffentlich gemacht wurden…

«Ich will nicht einordnen und erklären, das sollen andere machen.»

Wieso dieser oft herablassende Umgangston in Ihren Texten?
Es muss «Rütteln»! Die Sonntagszeitung der 90er-Jahre hat mich geprägt. Wir Journalisten kämpften dort mit harten Bandagen um Leser. Heute bin ich auch aus kommerziellen Gründen «hochtourig» unterwegs. Ich will nicht einordnen und erklären, das sollen andere machen. Im Vergleich zu den Medien in Grossbritannien sind meine Texte aber harmlos. Ganz zu schweigen vom Niveau in den sozialen Medien. Ich musste den heutigen Stil von Inside Paradeplatz übrigens erst finden. Meine ersten Texte waren trocken, wie von einem Finanzanalysten. Die heute kurzen Abschnitte sind vom Stil der Nachrichtenagentur Reuters inspiriert.

«Mir ist bewusst, dass meine Geschichten Schmerz verursachen können. Das ist nicht mein Motiv.»

Haben Sie nie Mitleid?
Mitleid ist ein Begriff, der nicht in unser Metier gehört. Mir ist bewusst, dass meine Geschichten Schmerz verursachen können. Das ist nicht mein Motiv. Personen in Machtpositionen werden grosszügig entschädigt, dass sie sich öffentlicher Kritik aussetzen müssen. Ich glaube wir schieben zu viel weg im Journalismus. Handkehrum sollten wir auch keine Totschläger sein…

Wir beobachten ein Muster bei Ihnen. Wer sich wehrt, auf dem hacken Sie erst recht herum? Gerne auch auf Frauen, die sich für Gleichstellungsthemen einsetzen?
Ich liebe Frauen, insbesondere auch meine, die wichtige Erziehungsarbeit leistet, unseren Kindern Werte vermittelt. Der Kampf für Gleichberechtigung, wie sie unsere Müttergeneration führte, war richtig und wichtig. Wenn aber heutzutage Frauen behaupten: «wir kommen zu kurz, wir sind benachteiligt», dann sticht mich der Hafer. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn sich heute ein Mann und eine Frau um einen Job bewerben, dann wird tendenziell Letztere angestellt, auch wenn sie nicht besser qualifiziert ist. 

Das kann man auch anders sehen. Wechseln wir das Thema: Ihre Informanten haben doch meist eine Agenda und instrumentalisieren Sie?
Das kann passieren. Es gibt Leute, die dich zu einer Geschichte drängen wollen. Sie kommen immer wieder. Dort werde ich vorsichtig, schaue genauer hin. Wenn man länger an einem Thema dran ist, merkt man irgendwann, wenn etwas schief ist…

Wir beraten immer wieder Klienten, die in Ihr Visier geraten und wissen: Hinter vermeintlichen Whistleblowern verstrecken sich oft Personen, die keine ehrenhaften Absichten haben.
Das ist manchmal so. Zwischen den Beteiligten am Konflikt gibt es eine Art Wettrüsten…

…Machtkämpfe werden über die Medien ausgetragen
Ja, alle Seiten versorgen Journalisten verschiedener Medienhäuser, mit denen sie ein gutes Verhältnis pflegen, mit Stoff für den Gegenschlag. Man spielt hart und dreckig…

«Die meisten Stories, die auf Inside Paradeplatz morgen früh publiziert werden, sind Eintagsfliegen. Oft ist das «Stürmli» am Nachmittag bereits wieder vorbei und vergessen.»

Was raten Sie Betroffenen, die in Ihren Fokus geraten?
Sie sollen es sportlich nehmen. Als Betroffener nimmt man sich meist etwas zu ernst. Die meisten Stories, die auf Inside Paradeplatz morgen früh publiziert werden, sind Eintagsfliegen. Oft ist das «Stürmli» am Nachmittag bereits wieder vorbei und vergessen. Das man sich persönlich getroffen fühlt, kann ich aber gut nachvollziehen. Das kenne ich auch aus eigener Erfahrung, wenn über mich geschrieben wurde. Ich bin nicht der Beste, wenn es ums Einstecken geht.

Dieser Ratschlag ist für viele wohl nicht sehr hilfreich…
Alles ist besser, als mit dem Anwalt zu kommen und zu drohen… Das kann vorläufig funktionieren, wenn ein Gericht eine Publikation superprovisorisch stoppt. Am Ende kommt die Wahrheit aber mit zeitlicher Verzögerung ans Licht.

«Wenn man meine Anfragen ignoriert, so meine Erfahrung, ist etwas an der Geschichte dran. Wenn zu energisch reagiert wird, dann ist wohl erst recht etwas dran.»

Sie meinen, es wäre besser gewesen von Beginn weg die Karten auf den Tisch zu legen?
Ja – und noch etwas: Wenn man meine Anfragen ignoriert, so meine Erfahrung, ist etwas an der Geschichte dran. Wenn zu energisch reagiert wird, dann ist wohl erst recht etwas dran.

Wer also nicht mit Ihnen spricht, hat ein Problem. Und wer zu viel spricht, ebenfalls. Das klingt schwierig und für die Betroffenen eigentlich aussichtslos…
Ich beobachte unterschiedliche Herangehensweisen. Interessant finde ich, wie eine Grossbank bislang auf meine Anfragen reagierte. Ihre Strategie war, nicht zu reagieren, wenn meine Geschichten das Geschäft insgesamt betrafen. Sobald aber Personen des oberen Managements in den Fokus gerieten, erhält man prompt eine Antwort…

Lassen Sie sich auch mal von einer Geschichte abbringen?
Das kommt vor. Und: Wenn Personen transparent mit mir sind, bin ich eher geneigt eine Story sanfter zu formulieren, ein paar Fragezeichen mehr zu setzen, statt Ausrufezeichen.

«Es gibt hier aber ein verbreitetes Missverständnis: Viele meinen Hintergrundgespräch bedeutet, ich dürfe den Inhalt nicht nutzen.»

Wie halten Sie es mit Hintergrundgesprächen?
Die gehören zum Handwerk. Es gibt hier aber ein verbreitetes Missverständnis: Viele meinen Hintergrundgespräch bedeutet, ich dürfe den Inhalt nicht nutzen. Das ist falsch: Was ich mal im Kopf habe, bleibt drin. Hintergrundgespräch heisst primär, dass ich Quellenschutz garantiere, die Herkunft der Information nicht offenlege.

Was halten Sie von uns Kommunikationsberatern?
Wie im Journalismus begegnen mir gute und schlechte Berater. Ich kenne inzwischen viele und schätze meist den professionellen Umgang. Zwar spielt man in unterschiedlichen Mannschaften, aber beide Seiten kennen das Spiel und die Spielregeln. Die “guten” machen zuerst ihre Arbeit, klären die Sachlage mit ihren Kunden ab und moderieren zwischen ihnen und mir. Umso professioneller beide Seiten ihre Arbeiten machen, desto besser. Wenn du mich überzeugen kannst, dann ist es gut.

«Schlechte Berater sind zu nahe an ihren Kunden dran, nehmen die Sache zu emotional und persönlich.»

Und die Schlechten?
Schlechte Berater sind zu nahe an ihren Kunden dran, nehmen die Sache zu emotional und persönlich. Schreiben mir wütende SMS, wenn die Geschichte anders rauskommt als sie sich vorstellen… 

Was sind Beispiele von gelungener Krisenkommunikation aus Ihrer Sicht?
Die Zürcher Kantonalbank wurde jüngst Opfer von einem Cyber-Erpressungsfall, über den ich zuerst berichtete (Inside Paradeplatz). Dieser hätte aufgrund der potentiell sensibler Kundendaten böse ins Auge gehen können. Die Bank reagierte bei meiner Anfrage vorbildlich. Statt die Geschichte verhindern zu wollen, gaben mir hohe Kadermitglieder Auskunft über die Hintergründe. Im Gegenzug verzichtete ich auf gewisse Einzelheiten…

Man kann also mit Ihnen verhandeln?
Ja. Das punktuelle Entgegenkommen darf aber nicht missverstanden werden. Es ergibt sich daraus kein Anspruch auf zukünftige Positivberichterstattung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Lukas Hässig wurde von Danial Naghizadeh und Martin Hofer geführt.