Seit Jahren prägen Sie die Kommunikationsarbeit der wahrscheinlich schlagkräftigsten NGO der Schweiz. Gefällt es Ihnen, Nervosität in den Chefetagen auszulösen?
Nervosität zu erzeugen ist kein Ziel an sich – wir möchten Wirkung erzielen. Früher war ich Journalist. Da kann und soll man den Mächtigen auf die Finger schauen. Ich wollte aber auch draufklopfen. Deshalb habe ich in die politische Kommunikation der NGO-Welt gewechselt.
Damals hiess die Organisation noch Erklärung von Bern und war fast nur für ihre Kampagne «Nestlé tötet Babys» bekannt.
Beim Bewerbungsgespräch tief in den Nullerjahren sass ich noch zwölf «Langhaarigen» gegenüber – ein Klischee, das sich überraschend bestätigte. Was mich aber beeindruckte, war die coole Kombination aus intrinsischer Motivation und hoher fachlicher Expertise. Gerade diese Dossierkenntnis ist im Journalismus stark unter Druck geraten.
Wie erlebten Sie die Organisation damals?
Die Erklärung von Bern war ursprünglich ein Destillat sozialer Bewegungen: Reformtheologen und Entwicklungshelfer, die aus dem globalen Süden zurückkamen und fanden, dass sich viel zu wenig tue in Sachen Verteilungsgerechtigkeit. Sie suchten nach den systemischen Ursachen der Ungleichheit und der Verantwortung der Schweiz. Wirksame Entwicklungspolitik hiess für sie: «Nicht unbedingt mehr geben, sondern primär weniger nehmen.»
Und heute?
Da arbeiten wir anders. Unser Ansatz nennt sich «Fact-based advocacy»: Wir recherchieren Fakten, setzen sie in Kampagnen um und lobbyieren, um politische Veränderungen zu erreichen. Wir bespielen also strategisch die ganze kommunikative «Wertschöpfungskette».
Was nützen der Welt strengere nationale Regeln in der Schweiz, wenn sie durch den internationalen Standortwettbewerb unterlaufen werden?
«Regulatory Arbitrage» ist eine Realität. Weltkonzerne wählen ihre Standorte lange schon nach haftungsrechtlichen und steuerlichen Gesichtspunkten. Genau dort setzen wir an. Zudem: Daraus abzuleiten, man solle in der Schweiz nicht handeln, ist, sorry, schlicht Bullshit. Wer so argumentiert, versucht nur, vom wirklich Wichtigen abzulenken. Unser Wohlstand ruht auf den Schultern der Ärmsten. Wir haben die Verantwortung und die Mittel, etwas für sie zu tun.
Wie wählen Sie die Branchen und Unternehmen für Ihre Kampagnen aus?
Das ergibt sich aus dem Schweizer Konzernportfolio: jene Firmen und Branchen, die von hier aus in wirtschaftlich benachteiligten Ländern operieren und dabei einen menschenrechtlichen oder ökologischen Fussabdruck hinterlassen. Dann braucht es relevante Fakten, aus denen eine «gute Geschichte» gemacht werden kann und wir müssen einen politischen Hebel für konkrete Veränderung sehen. Und da eine Kampagne primär mal Aufmerksamkeit erzeugen muss, spielen Grösse und Bekanntheit des Unternehmens auch eine Rolle.
Also immer wieder los auf Nestlé?
Die Konzernverantwortungsinitiative wurde zur «Lex Glencore» – kein Zufall. Glencore ist riesig, dank Gründer Marc Rich lange schon berüchtigt und lieferte reichlich Stoff für unsere damalige Recherche- und Kommunikationsarbeit. Häufig sind die schlimmsten «Bad Guys» aber nicht die Grossen im Rampenlicht, sondern jene, die unbemerkt in ihrem weiten Windschatten operieren.
Welchen Erfolg sehen Sie persönlich als den grössten von Public Eye?
Hmmm…(überlegt). Vielleicht unser Beitrag, die Mechanik des internationalen Rohstoffhandels und die zentrale Rolle der Schweiz dabei sichtbar zu machen. Für mich ist es immer noch erstaunlich, wie eine so grosse und mächtige Branche so lange unter dem Radar der Öffentlichkeit bleiben konnte. Wichtig ist aber: Es geht uns nicht darum, einzelne Akteure anzuprangern, sondern systemische und regulatorische Ursachen von Missständen offenzulegen… (schmunzelt)…Mit dieser Tätigkeit und ihren Konsequenzen fürs Image vieler Firmen gehören wir wohl zu den grössten Arbeitsbeschaffern der PR-Branche.
Sollten wir uns bei Ihnen bedanken?
Warum nicht!? Und zwar nicht nur wegen der lukrativen Mandate. Beratungsfirmen wie Farner können dann auch endlich mal einen sinnvollen Job machen, zum Beispiel indem sie extra dicke Nachhaltigkeitsberichte konzipieren (augenzwinkernd).
Wir nehmen das so zur Kenntnis – und geben Ihnen die Chance, sich bei einer Firma zu entschuldigen, die Sie fälschlicherweise angeprangert haben.
(lacht, studiert, es kommt lange keine Antwort)
Sie haben sich also noch nie geirrt?
Wir können uns solch grobe Fehler nicht leisten. Unsere Glaubwürdigkeit ist unser Kapital. Einzelne Aktionen kann man rückblickend immer hinterfragen – etwa der im Rahmen einer Kampagne gegen Organhandel inszenierte Auftritt mit einer blutigen Kühlbox bei Roche in Basel. Stilistisch war das vielleicht grenzwertig, sachlich aber leider nötig.
Seine Recherchen publiziert Public Eye häufig im Stile von journalistischen Reportagen – auf den eigenen Kanälen und via Leitmedien . Ist das keine gefährliche Vermischung von Journalismus und Aktivismus?
Ich nenne das gerne Para-Journalismus. Unser 2011 erschienenes Rohstoff-Buch ist ein prima Beispiel dafür: Wir leuchten einen blinden Fleck aus – etwas, das auch guter Journalismus tun sollte. Von gewissen Branchenvertreter:innen werden wir kritisiert, weil NGOs nicht als neutrale Beobachter gelten. Dann heisst es: Wenn der Classen auf einem Podium zur Pharmabranche sitzt, muss daneben zum Ausgleich auch ein Vertreter von Interpharma hocken. Dabei vertreten wir keine Partikularinteressen…
… doch, Ihr seid auch ein politischer Akteur, kein neutraler Beobachter.
Als «Corporate Watchdog» handeln wir strikt und stets im öffentlichen Interesse…
…es gibt einige, die das bestreiten würden…
…wir sind niemandem verpflichtet ausser unserem Vereinsstatut und unseren inzwischen 30’000 Mitgliedern. Entscheidend ist doch einzig die Relevanz einer Recherche, nicht deren Absender. Im angelsächsischen Raum sieht man das viel entspannter: Fundierte NGO-Stories gelten dort als lupenreiner Journalismus.
Unterstehen Sie den journalistischen Standesregeln?
Wir müssen diese Regeln mindestens so streng beachten wie die Leitmedien. Uns schaut man nämlich noch genauer auf die Finger. Zwei Quellen reichen deshalb häufig nicht – wir suchen mehr.
Ihre Recherchen haben offenbar Einfluss bis in die höchsten Justizkreise. Die Bundesanwaltschaft stützt sich angeblich auf eure Quellen und wird dafür auch kritisiert («Bundesanwalt auf Abwegen», NZZ vom 13.12.2025).
Wenn wir in unserer Arbeit auf rechtswidrige Geschäfte wie Korruption oder Geldwäscherei stossen, aktiviert das manchmal die Strafverfolgungsbehörden. Hoffentlich auch. In Sachen Wirtschaftskriminalität ist die Schweiz dank ihrem Finanz- und Rohstoffplatz halt immer noch ein Hotspot.
Werden Sie oft eingeklagt?
Zumeist bleibt es bei Drohungen, aber wir erleben auch eine Zunahme sogenannter SLAPP-Klagen. Nicht, weil wir Fehler gemacht haben, sondern weil gewisse Akteure unsere Ressourcen binden und uns einschüchtern wollen. Erreichen tun sie damit das genaue Gegenteil.
Gibt es Firmen, die sich aus Ihrer Perspektive «positiv» entwickelt haben?
Durchaus – wir sehen schon Wirkung, aber immer noch viel zu wenig. Und einzelne Namen hebe ich nicht hervor.
Es heisst immer wieder, NGOs seien heute eigentliche Machtzentren mit riesigen Kampagnenbudgets.
(lacht laut) Diese Behauptung verdankt sich dem Erfolg der Konzernverantwortungsinitiative. Wirtschaftskreise merkten plötzlich, dass sie den Anschluss an die Bevölkerung verloren hatten – und versuchten, das Narrativ zu drehen: Nicht David gegen Goliath, sondern Goliath als der neue David. Leider blieb diese faktenferne Verdrehung der Kräfteverhältnisse nicht ganz ohne Wirkung und ist Teil des gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Backlashs.
Es gibt einen Backlash?
Oh ja, und den spürt inzwischen die ganze Schweizer Zivilgesellschaft. Trump’sche Denk- und Handlungsmuster diffundieren dieser Tage bis ins Bundeshaus. Bei Umwelt- und Menschenrechtsthemen wird zurückbuchstabiert. Auch die Ausgangslage für die zweite Auflage der Konzernverantwortungsinitiative ist anders – trotzdem haben wir 180’000 Unterschriften in nur zwei Wochen gesammelt. Ironischerweise zur selben Zeit, alsTrump in Washington inthronisiert wurde.
Musste Public Eye selbst schon Krisen meistern?
Wir sind meist diejenigen, die Krisen auslösen. (lacht) Aber klar, wenn Anwaltsschreiben mit Millionenforderungen eintreffen, kann das bedrohlich werden. Deshalb investieren wir auch stark ins Fact Checking und juristische Vorprüfung.
Was raten Sie Kommunikationsabteilungen, die mit Public-Eye-Kampagnen konfrontiert sind?
(lacht) Vielleicht das: Stehen Sie zu Ihren Überzeugungen und überzeugen Sie die Chefetage davon. Gegen das eigene Gewissen zu kommunizieren, wirkt intern wie extern toxisch. Wir produzieren maximalen öffentlichen Druck, immer auch in der Hoffnung, dass die Public-Affairs- und Issue-Management-Verantwortlichen diesen nach oben weitergeben und so die nötigen Veränderungen anstossen.
Und was denken Sie über uns, über Farner?
Ich pflege keine Feindbilder. Farner ist eine Institution und hat aus gutem Grund ein wichtiges Kapitel der Schweizer Kommunikationsgeschichte mitgeschrieben. Ich habe aber einen Wunsch: Nutzt eure Fähigkeiten und Ressourcen künftig, um mehr Teil der Lösung und weniger Teil des Problems zu sein.
Wir verzichten auf Gegenrede und schenken Ihnen dieses Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview wurde von Martin Hofer und Danial Naghizadeh geführt.
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