Der Filmmacher Manuel Stagars veröffentlichte im August die erste Dokumentarfilm-Miniserie über die Startup Szene in der Schweiz mit einem Blick hinter die Kulissen. Im Interview erzählt Manuel von seiner Motivation, den Dreharbeiten und dem speziellen Format der beobachtenden Dokumentation.

Du hast preisgekrönte Dokumentarfilme realisiert, dabei standen die Themen Kreativität, Innovation, Wissenschaft und neue Technologien im Zentrum. Was war Deine Motivation für die Miniserie «Start-Up»?

Manuel Stagars: Zunächst interessieren mich Startups schon seit langem, nicht zuletzt, da ich selbst Founder war und ein Buch zu diesem Thema geschrieben habe. Da ich nach meinem ersten Startup in der Schweiz über zehn Jahre in Amerika und Asien lebte, nahm es mich Wunder, was sich in der Zwischenzeit in der Schweizer Startup Szene verändert hat. Ich hatte noch immer den «Snapshot» der Gründerszene aus den Neunzigerjahren im Kopf. Ich wollte wieder in die Startup Welt eintauchen und begann deshalb, eine Dokumentarfilmidee dazu zu entwickeln. Dabei wollte ich das Geschehen weniger von aussen beobachten, sondern wirklich dabei sein wie ein Teammitglied. Ich habe mich deshalb gegen Interviews entschieden, bei denen die Founderinnen und Founder über ihr Business sprechen, sondern habe ihren Alltag über längere Zeit begleitet und aufgezeichnet. Daraus ist eine atmosphärische Dokumentation entstanden, welche Einblicke hinter die Kulissen der Startup Szene Schweiz gewährt, die man sonst gar nie sieht.

Was waren die Unterschiede im Vergleich zu Deinen vorherigen Filmprojekten?

Meine vorherigen Filme basieren auf Interviews, die Leute erzählen und erklären. Bei «Start-Up» habe ich das ganz bewusst vermieden, weil ich wollte, dass man selber aktiv bei den Startups dabei ist und mitdenkt, anstatt einfach zu konsumieren. Es gibt also keine Interviews, keinen Kommentar und keine Filmmusik, sondern man beobachtet und orientiert sich als Zuschauer selbst im Film, ohne dass einem eine pfannenfertige Geschichte serviert wird.

Auf Social Media posten alle nur noch Erfolgserlebnisse und Glücksmomente, doch niemand weiss, wie es einem wirklich geht. Genau dasselbe passiert auch in der Wissenschaft, in Firmen und Startups. Ich glaube, es ist wichtig, dass man nicht immer eine durchgedachte Erfolgsgeschichte erzählen muss. Meiner Meinung nach darf es auch einmal eine realistischere Sichtweise sein, mit allen ihren Momenten, die nicht perfekt sind. Gerade bei komplexen Themen baut das Barrieren und Ängste ab, vor allem bei Menschen, die normalerweise selten mit diesen Themen in Kontakt kommen.

Ich glaube auch, dass es wichtig ist, dass wenn sich jemand für ein Thema wie Forschung und Startups interessiert, nicht nur die Medieninformationen mit den grossen Stories und Erfolgen, sondern auch realistische, ungeschliffene Informationen zugänglich sind. Ich möchte, dass die Zuschauer sehen, dass Founder eigentlich normale Menschen sind wie du und ich. Der Mythos «Unternehmertum» wird so erlebbar und erreichbar, auch für solche Menschen, die es sich weniger zutrauen.

Um diese Einblicke hinter die Kulissen zu gewährleisten hast Du sechs Jungunternehmen über sechs Monate begleitet. Nach welchen Kriterien hast Du sie ausgewählt?

Alle sechs Startups sind tätig im Deep-Tech Bereich, ein Sammelbegriff für künstliche Intelligenz, Automation, Material Science, Bio Tech, Clean Tech und so weiter, also Technologien, welche einen grossen Impact auf die Welt haben und wegweisend sein können für die Zukunft. Ich habe bewusst Jungunternehmen ausgesucht, welche aus diesem Themenbereich und aus Schweizer Universitäten kommen. Weiter war mir auch wichtig, dass sich die Startups im Film in verschiedenen Stadien befinden. Einerseits sehr junge Startups , welche noch keine Firma gegründet haben aber auch andere, die schon mehrere Millionen an Funding gesammelt haben.

Was wolltest Du mit Deiner Dokumentation vermitteln und welches Publikum wolltest Du erreichen?

Eine zentrale Frage bei «Start-up» ist: Was braucht es, wenn man etwas Grosses bewirken will in der Welt? Beim Zuschauen wird schnell deutlich, dass neben Geld, Connections und einer guten Bildung auch viel Energie, die Fähigkeit Teams zu führen, Agilität und eine schnelle Reaktion, Durchhaltevermögen und Resilienz notwendig sind – also Dinge, welche man nicht einfach in der Schule lernt, sondern eher «learning by doing».

Meine Filme sollen mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Die Miniserie soll den Zugang zu Informationen schaffen und Zuschauern ermöglichen, bei einem Startup ganz nahe dabei zu sein und mitzubeobachten. Sie soll auch Technologien wie künstliche Intelligenz, Drohnen, Roboter, Biotech und Genmanipulation zugänglich machen, vorallem für Menschen, die sich normalerweise nur am Rande mit ihnen beschäftigen. Diese Themen sind oft so abstrakt, dass sie viele Leute verunsichern. Niemand weiss genau, wie Firmen und Startups an diesen Technologien arbeiten. Mit «Start-up» wollte ich zeigen, dass sich letztendlich ganz normale Menschen mit diesen grossen Themen auseinandersetzen.

Das Zielpublikum meiner Filme sind zum einen Menschen, welche sich schon mit Startups beschäftigen und einen frischen Zugang zum Thema wollen. Zum anderen sind es Menschen, die etwas Neues entdecken möchten und einfach mal aus Neugier in ein Startup hineinsehen möchten.

Was glaubst Du wird dem Publikum am meisten in Erinnerung bleiben?

Jeder entdeckt etwas völlig anderes, und die Reaktionen sind im Allgemeinen sehr individuell und auch gegensätzlich. Das war auch eines meiner Ziele: Jeder soll unvoreingenommen seine eigene Meinung bilden und seine eigenen Gedanken haben. Vielen Leuten fällt schnell auf, dass der Alltag in einem Startup auch nicht so viel Glamouröses an sich hat, sondern wirklich vor allem harte Arbeit ist. Man sieht viel in der Peripherie, beispielsweise den unterschiedlichen Umgang und die Dynamik innerhalb der Teams. Eine Zuschauerin sagte zu mir, dass der Film auch ein Plädoyer sei für die Offenheit der Schweiz, weil fast alle Kontinente der Welt bei den Gründerinnen und Gründern vertreten sind.

Was war eine Herausforderungen bei den Dreharbeiten?

Es gab mehrere grosse Herausforderungen. Bei einem solchen Film muss man flexibel sein und improvisieren können, weil man kein Drehbuch abspulen kann. Immer wieder gab es Situationen in denen ich in kurzer Zeit wieder ganz neue Möglichkeiten hatte, etwas zu filmen, was gar nicht geplant war.

Wir konnten die Dreharbeiten glücklicherweise unmittelbar vor dem Lockdown abschliessen, doch mit dem Corona-Virus hat sich die Filmwelt sehr schnell verändert. Ursprünglich hatten wir einen Kinodokumentarfilm geplant, welcher an Events gezeigt wird und eine Festivalauswertung hat. Das war dann plötzlich alles gar nicht mehr möglich und wir mussten kurzfristig ein neues und geeignetes Format finden. Wir entschlossen uns für eine dreiteilige Miniserie, die sich einfacher auf dem Internet ansehen lässt. Dieser Formatwechsel und seine Auswirkungen auf die Auswertung und den Vertrieb sind grosse Herausforderungen.

Wie zufrieden bist Du mit Deinem Werk?

«Start-up» ist zwar noch nicht ein «Mega-Blockbuster» auf YouTube, ich hatte aber lange und gute Gespräche mit vielen Zuschauern und habe sehr viel gutes Feedback erhalten. Die Serie schafft bei vielen neue Impulse und öffnet Türen, und darüber freue ich mich. Meine Dokumentarfilme sind auch immer Abenteuer und Experimente, eben wie ein Startup, wo man sich auch immer auf etwas Neues einlassen muss.

Was war Dein persönlicher Lerneffekt?

Mit dem beobachtenden Format habe ich mir selbst schwierig Auflagen gegeben, die es sicherlich anspruchsvoller machten, eine Geschichte zu erzählen. Ich will jedoch Filme kreieren, die wirklich zum Nachdenken über ein Thema auffordern, sowohl die Zuschauer, wie auch mich selbst. Auch die Dreharbeiten und die Postproduktion sind bei jedem neuen Projekt immer wieder ganz anders. Da lerne ich als Regisseur bei jedem Film Neues dazu. Das macht es spannend für mich.

Wie geht es weiter? Hast Du schon ein nächstes Projekt oder ein Thema im Sinn, welches Du in Angriff nehmen möchtest?

Ich habe mit einem Podcast zum Thema «Deep Technology» begonnen. Es geht darum, wie Schweizerinnen und Schweizer zu neuen Technologien stehen. Nicht die Experten, sondern beispielsweise Künstler, eine Schulklasse, eine Juristin, ein Pfarrer, ein Kommunikationsberater (Daniel Heller), und so weiter. Der Podcast ist abrufbar unter deeptechnology und auf Watson.

Meine nächsten Filmprojekte sind noch nicht ganz spruchreif, doch eines von ihnen wird bestimmt wieder mit Forschung, Wissenschaft und Gesellschaft zu tun haben.

Hier geht es zum dreiteiligen Dokumentarfilm

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